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GiveWP – Donation Plugin and Fundraising Platform / 2.33.4
GiveWP – Donation Plugin and Fundraising Platform v2.33.4
4.16.3 4.16.2 4.16.1 4.16.0 4.15.5 4.15.4 4.15.3 4.15.2 4.15.1 4.15.0 2.3.0 2.3.1 2.3.2 2.30.0 2.31.0 2.31.1 2.32.0 2.33.0 2.33.1 2.33.2 2.33.3 2.33.4 2.33.5 2.4.0 2.4.1 2.4.2 2.4.3 2.4.4 2.4.5 2.4.6 2.4.7 2.5.0 2.5.1 2.5.10 2.5.11 2.5.12 2.5.13 2.5.2 2.5.3 2.5.4 2.5.5 2.5.6 2.5.7 2.5.8 2.5.9 2.6.0 2.6.1 2.6.2 2.6.3 2.7.0 2.7.1 2.7.2 2.7.3 2.7.4 2.7.5 2.8.0 2.8.1 2.9.0 2.9.1 2.9.2 2.9.3 2.9.4 2.9.5 2.9.6 2.9.7 3.0.0 3.0.1 3.0.2 3.0.3 3.0.4 3.1.0 3.1.1 3.1.2 3.10.0 3.11.0 3.12.0 3.12.1 3.12.2 3.12.3 3.13.0 3.14.0 3.14.1 3.14.2 3.15.0 3.15.1 3.16.0 3.16.1 3.16.2 3.16.3 3.16.4 3.16.5 3.17.0 3.17.1 3.17.2 3.18.0 3.19.0 3.19.1 3.19.2 3.19.3 3.19.4 3.2.0 3.2.1 3.2.2 3.20.0 3.21.0 3.21.1 3.22.0 3.22.1 3.22.2 3.3.0 3.3.1 3.4.0 3.4.1 3.4.2 3.5.0 3.5.1 3.6.0 3.6.1 3.6.2 3.7.0 3.8.0 3.9.0 4.0.0 4.1.0 4.1.1 4.10.0 4.10.1 4.11.0 4.12.0 4.13.0 4.13.1 4.13.2 4.14.0 4.14.1 4.14.2 4.14.3 4.14.4 4.14.5 4.14.6 4.2.0 4.2.1 4.3.0 4.3.1 4.3.2 4.4.0 4.5.0 4.6.1 4.7.0 4.7.1 4.8.0 4.8.1 4.9.0 trunk 1.9.0 2.0.0 2.0.1 2.0.2 2.0.3 2.0.4 2.0.5 2.0.6 2.0.7 2.1.0 2.1.1 2.1.2 2.1.3 2.1.4 2.1.5 2.1.6 2.1.7 2.1.8 2.10.0 2.10.1 2.10.2 2.10.3 2.10.4 2.11.0 2.11.1 2.11.2 2.11.3 2.12.0 2.12.1 2.12.2 2.12.3 2.13.0 2.13.1 2.13.2 2.13.3 2.13.4 2.14.0 2.15.0 2.16.0 2.16.1 2.17.0 2.17.1 2.17.3 2.18.0 2.18.1 2.19.1 2.19.2 2.19.3 2.19.4 2.19.5 2.19.6 2.19.7 2.19.8 2.2.0 2.2.1 2.2.2 2.2.3 2.2.4 2.2.5 2.2.6 2.20.0 2.20.1 2.20.2 2.21.0 2.21.1 2.21.2 2.21.3 2.21.4 2.22.0 2.22.1 2.22.2 2.22.3 2.23.0 2.23.1 2.23.2 2.24.0 2.24.1 2.24.2 2.25.0 2.25.1 2.25.2 2.25.3 2.26.0 2.27.0 2.27.1 2.27.2 2.27.3 2.28.0 2.29.0 2.29.1 2.29.2
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3 namespace Faker\Provider\de_CH;
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5 class Text extends \Faker\Provider\Text
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8 * The Project Gutenberg EBook of Die Leiden des jungen Werther--Buch 1, by
9 * Johann Wolfgang von Goethe
10 *
11 * This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
12 * almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
13 * re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
14 * with this eBook or online at www.gutenberg.org
15 *
16 * Title: Die Leiden des jungen Werther--Buch 1
17 *
18 * Author: Johann Wolfgang von Goethe
19 *
20 * Posting Date: June 28, 2011 [EBook #2407]
21 * Release Date: November, 2000
22 *
23 * Language: German
24 *
25 * *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER ***
26 *
27 * Produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com
28 * with proofreading and correction by Dr. Mary Cicora,
29 * mcicora@yahoo.com.
30 *
31 * @see http://www.gutenberg.org/cache/epub/2407/pg2407.txt
32 * @var string
33 */
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35 Am 4. Mai 1771
36
37 Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des
38 Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und
39 froh zu sein! Ich weiss, du verzeihst mir's. Waren nicht meine übrigen
40 Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meine zu ängstigen?
41 Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig. Konnt' ich dafür, dass, während
42 die eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung
43 verschafften, dass eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete? Und doch—bin ich
44 ganz unschuldig? Hab' ich nicht ihre Empfindungen genährt? Hab' ich mich nicht
45 an den ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns so oft zu lachen machten, so
46 wenig lächerlich sie waren, selbst ergetzt? Hab' ich nicht—o was ist der Mensch,
47 dass er über sich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir's,
48 ich will mich bessern, will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal
49 vorlegt, wiederkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das Gegenwärtige
50 geniessen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. Gewiss, du hast recht, Bester,
51 der Schmerzen wären minder unter den Menschen, wenn sie nicht—Gott weiss, warum
52 sie so gemacht sind!—mit so viel Emsigkeit der Einbildungskraft sich
53 beschäftigten, die Erinnerungen des vergangenen Übels zurückzurufen, eher als eine
54 gleichgültige Gegenwart zu ertragen.
55
56 Du bist so gut, meiner Mutter zu sagen, dass ich ihr Geschäft bestens
57 betreiben und ihr ehstens Nachricht davon geben werde. Ich habe meine Tante
58 gesprochen und bei weitem das böse Weib nicht gefunden, das man bei uns aus ihr
59 macht. Sie ist eine muntere, heftige Frau von dem besten Herzen. Ich erklärte ihr
60 meiner Mutter Beschwerden über den zurückgehaltenen Erbschaftsanteil; sie sagte
61 mir ihre Gründe, Ursachen und die Bedingungen, unter welchen sie bereit wäre,
62 alles herauszugeben, und mehr als wir verlangten—kurz, ich mag jetzt nichts
63 davon schreiben, sage meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Und ich habe,
64 mein Lieber, wieder bei diesem kleinen Geschäft gefunden, dass Missverständnisse
65 und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als List und Bosheit.
66 Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltener.
67
68 Übrigens befinde ich mich hier gar wohl. Die Einsamkeit ist meinem Herzen
69 köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend
70 wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz. Jeder Baum, jede Hecke ist ein
71 Strauss von Blüten, und man möchte zum Maienkäfer werden, um in dem Meer von
72 Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können.
73
74 Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche
75 Schönheit der Natur. Das bewog den verstorbenen Grafen von M., einen Garten auf
76 einem der Hügel anzulegen, die mit der schönsten Mannigfaltigkeit sich kreuzen
77 und die lieblichsten Täler bilden. Der Garten ist einfach, und man fühlt
78 gleich bei dem Eintritte, dass nicht ein wissenschaftlicher Gärtner, sondern ein
79 fühlendes Herz den Plan gezeichnet, das seiner selbst hier geniessen wollte. Schon
80 manche Träne hab' ich dem Abgeschiedenen in dem verfallenen Kabinettchen geweint,
81 das sein Lieblingsplätzchen war und auch meines ist. Bald werde ich Herr vom
82 Garten sein; der Gärtner ist mir zugetan, nur seit den paar Tagen, und er wird
83 sich nicht übel dabei befinden.
84
85 Am 10. Mai
86
87 Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süssen
88 Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen geniesse. Ich bin allein und freue mich meines
89 Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich
90 bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein
91 versunken, dass meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht
92 einen Strich, und bin nie ein grösserer Maler gewesen als in diesen Augenblicken.
93 Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der
94 undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das
95 innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und
96 näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich
97 das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen
98 Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die
99 Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des
100 Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! Wenn's
101 dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in
102 meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten—dann sehne ich mich oft und
103 denke : ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das
104 einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele,
105 wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes!—mein Freund—aber ich
106 gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser
107 Erscheinungen.
108
109 Ich weiss nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die
110 warme, himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so
111 paradiesisch macht. Das ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich
112 gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern.—Du gehst einen kleinen Hügel
113 hinunter und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo
114 unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben
115 umher die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken,
116 die Kühle des Orts; das hat alles so was Anzügliches, was Schauerliches. Es
117 vergeht kein Tag, dass ich nicht eine Stunde da sitze. Da kommen die Mädchen aus
118 der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft und das nötigste, das
119 ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die
120 patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle die Altväter, am Brunnen
121 Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohltätige Geister
122 schweben. O der muss nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens
123 Kühle gelabt haben, der das nicht mitempfinden kann.
124
125 Am 13. Mai
126
127 Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst?—lieber, ich bitte dich um
128 Gottes willen, lass mir sie vom Halse! Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert,
129 angefeuert sein, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst; ich brauche
130 Wiegengesang, und den habe ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer. Wie oft lull'
131 ich mein empörtes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du nichts
132 gesehn als dieses Herz. Lieber! Brauch' ich dir das zu sagen, der du so oft die
133 Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süsser Melancholie
134 zur verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehn? Auch halte ich mein Herzchen
135 wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm gestattet. Sage das nicht weiter;
136 es gibt Leute, die mir es verübeln würden.
137
138 Am 15. Mai
139
140 Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich, besonders die
141 Kinder. Eine traurige Bemerkung hab' ich gemacht. Wie ich im Anfange mich zu ihnen
142 gesellte, sie freundschaftlich fragte über dies und das, glaubten einige, ich wollte
143 ihrer spotten, und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich liess mich das nicht
144 verdriessen; nur fühlte ich, was ich schon oft bemerkt habe, auf das lebhafteste :
145 Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen
146 Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren; und dann gibt's
147 Flüchtlinge und üble Spassvögel, die sich herabzulassen scheinen, um ihren Übermut dem
148 armen Volke desto empfindlicher zu machen.
149
150 Ich weiss wohl, dass wir nicht gleich sind, noch sein können; aber ich halte
151 dafür, dass der, der nötig zu haben glaubt, vom so genannten Pöbel sich zu
152 entfernen, um den Respekt zu erhalten, ebenso tadelhaft ist als ein Feiger, der sich
153 vor seinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen fürchtet.
154
155 Letzthin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmädchen, das ihr Gefäss auf
156 die unterste Treppe gesetzt hatte und sich umsah, ob keine Kamerädin kommen
157 wollte, ihr es auf den Kopf zu helfen. Ich stieg hinunter und sah sie an.—"Soll
158 ich Ihr helfen, Jungfer?" sagte ich.—sie ward rot über und über.—"O nein,
159 Herr!" sagte sie.—"Ohne Umstände".—sie legte ihren Kragen zurecht, und ich half
160 ihr. Sie dankte und stieg hinauf.
161
162 Den 17. Mai
163
164 Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine
165 gefunden. Ich weiss nicht, was ich Anzügliches für die Menschen haben muss; es mögen
166 mich ihrer so viele und hängen sich an mich, und da tut mir's weh, wenn unser
167 Weg nur eine kleine Strecke miteinander geht. Wenn du fragst, wie die Leute
168 hier sind, muss ich dir sagen: wie überall! Es ist ein einförmiges Ding um das
169 Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den grössten Teil der Zeit, um zu leben, und das
170 bisschen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel
171 aufsuchen, um es los zu werden. O Bestimmung des Menschen!
172
173 Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manchmal vergesse, manchmal mit
174 ihnen die Freuden geniesse, die den Menschen noch gewährt sind, an einem artig
175 besetzten Tisch mit aller Offen—und Treuherzigkeit sich herumzuspassen, eine
176 Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit anzuordnen, und dergleichen, das tut eine ganz
177 gute Wirkung auf mich; nur muss mir nicht einfallen, dass noch so viele andere
178 Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern und die ich sorgfältig
179 verbergen muss. Ach das engt das ganze Herz so ein.—Und doch! Missverstanden zu
180 werden, ist das Schicksal von unsereinem.
181
182 Ach, dass die Freundin meiner Jugend dahin ist, ach, dass ich sie je gekannt
183 habe!—ich würde sagen: du bist ein Tor! Du suchst, was hienieden nicht zu finden
184 ist! Aber ich habe sie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die grosse Seele, in
185 deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein, als ich war, weil ich alles war,
186 was ich sein konnte. Guter Gott! Blieb da eine einzige Kraft meiner Seele
187 ungenutzt? Konnt' ich nicht vor ihr das ganze wunderbare Gefühl entwickeln, mit dem
188 mein Herz die Natur umfasst? War unser Umgang nicht ein ewiges Weben von der
189 feinsten Empfindung, dem schärfsten Witze, dessen Modifikationen, bis zur Unart,
190 alle mit dem Stempel des Genies bezeichnet waren? Und nun!—ach ihre Jahre, die
191 sie voraus hatte, führten sie früher ans Grab als mich. Nie werde ich sie
192 vergessen, nie ihren festen Sinn und ihre göttliche Duldung.
193
194 Vor wenig Tagen traf ich einen jungen V. an, einen offnen Jungen, mit einer
195 gar glücklichen Gesichtsbildung. Er kommt erst von Akademien dünkt sich eben
196 nicht weise, aber glaubt doch, er wisse mehr als andere. Auch war er fleissig,
197 wie ich an allerlei spüre, kurz, er hat hübsche Kenntnisse. Da er hörte, dass
198 ich viel zeichnete und Griechisch könnte (zwei Meteore hierzulande), wandte er
199 sich an mich und kramte viel Wissens aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles
200 zu Winckelmann, und versicherte mich, er habe Sulzers Theorie, den ersten
201 Teil, ganz durchgelesen und besitze ein Manuskript von Heynen über das Studium
202 der Antike. Ich liess das gut sein.
203
204 Noch gar einen braven Mann habe ich kennen lernen, den fürstlichen Amtmann,
205 einen offenen, treuherzigen Menschen. Man sagt, es soll eine Seelenfreude sein,
206 ihn unter seinen Kindern zu sehen, deren er neun hat; besonders macht man viel
207 Wesens von seiner ältesten Tochter. Er hat mich zu sich gebeten, und ich will ihn
208 ehster Tage besuchen. Er wohnt auf einem fürstlichen Jagdhofe, anderthalb Stunden
209 von hier, wohin er nach dem Tode seiner Frau zu ziehen die Erlaubnis erhielt,
210 da ihm der Aufenthalt hier in der Stadt und im Amthause zu weh tat.
211
212 Sonst sind mir einige verzerrte Originale in den Weg gelaufen, an denen alles
213 unausstehlich ist, am unerträglichsten Freundschaftsbezeigungen.
214
215 Leb' wohl! Der Brief wird dir recht sein, er ist ganz historisch.
216
217 Am 22. Mai
218
219 Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so
220 vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wenn ich die
221 Einschränkung ansehe, in welcher die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen
222 eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die
223 Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere
224 arme Existenz zu verlängern, und dann, dass alle Beruhigung über gewisse Punkte
225 des Nachforschens nur eine träumende Regignation ist, da man sich die Wände,
226 zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten
227 bemalt—das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück, und
228 finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung und
229 lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle dann so
230 träumend weiter in die Welt.
231
232 Dass die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgelahrten
233 Schul—und Hofmeister einig; dass aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem
234 Erdboden herumtaumeln und wie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie
235 gehen, ebensowenig nach wahren Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen
236 und Birkenreiser regiert werden: das will niemand gern glauben, und mich
237 dünkt, man kann es mit Händen greifen.
238
239 Ich gestehe dir gern, denn ich weiss, was du mir hierauf sagen möchtest, dass
240 diejenigen die Glücklichsten sind, die gleich den Kindern in den Tag hinein leben,
241 ihre Puppen herumschleppen, aus—und anziehen und mit grossem Respekt um die
242 Schublade umherschleichen, wo Mama das Zuckerbrot hineingeschlossen hat, und, wenn
243 sie das gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzehren und
244 rufen:"mehr!"—das sind glückliche Geschöpfe. Auch denen ist's wohl, die ihren
245 Lumpenbeschäftigungen oder wohl gar ihren Leidenschaften prächtige Titel geben und sie dem
246 Menschengeschlechte als Riesenoperationen zu dessen Heil und Wohlfahrt anschreiben.—Wohl dem,
247 der so sein kann! Wer aber in seiner Demut erkennt, wo das alles hinausläuft,
248 wer da sieht, wie artig jeder Bürger, dem es wohl ist, sein Gärtchen zum
249 Paradiese zuzustutzen weiss, und wie unverdrossen auch der Unglückliche unter der
250 Bürde seinen Weg fortkeucht, und alle gleich interessiert sind, das Licht dieser
251 Sonne noch eine Minute länger zu sehn—ja, der ist still und bildet auch seine
252 Welt aus sich selbst und ist auch glücklich, weil er ein Mensch ist. Und dann,
253 so eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das süsse Gefühl der
254 Freiheit, und dass er diesen Kerker verlassen kann, wann er will.
255
256 Am 26. Mai
257
258 Du kennst von alters her meine Art, mich anzubauen, mir irgend an einem
259 vertraulichen Orte ein Hüttchen aufzuschlagen und da mit aller Einschränkung zu
260 herbergen. Auch hier habe ich wieder ein Plätzchen angetroffen, das mich angezogen
261 hat.
262
263 Ungefähr eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort, den sie Wahlheim nennen. Die Lage
264 an einem Hügel ist sehr interessant, und wenn man oben auf dem Fusspfade zum
265 Dorf herausgeht, übersieht man auf einmal das ganze Tal. Eine gute Wirtin, die
266 gefällig und munter in ihrem Alter ist, schenkt Wein, Bier, Kaffee; und was über
267 alles geht, sind zwei Linden, die mit ihren ausgebreiteten Ästen den kleinen
268 Platz vor der Kirche bedecken, der ringsum mit Bauerhäusern, Scheunen und Höfen
269 eingeschlossen ist. So vertraulich, so heimlich hab' ich nicht leicht ein Plätzchen
270 gefunden, und dahin lass' ich mein Tischchen aus dem Wirtshause bringen und meinen
271 Stuhl, trinke meinen Kaffee da und lese meinen Homer. Das erstenmal, als ich
272 durch einen Zufall an einem schönen Nachmittage unter die Linden kam, fand ich
273 das Plätzchen so einsam. Es war alles im Felde; nur ein Knabe von ungefähr
274 vier Jahren sass an der Erde und hielt ein anderes, etwa halbjähriges, vor ihm
275 zwischen seinen Füssen sitzendes Kind mit beiden Armen wider seine Brust, so dass er
276 ihm zu einer Art von Sessel diente und ungeachtet der Munterkeit, womit er aus
277 seinen schwarzen Augen herumschaute, ganz ruhig sass. Mich vergnügte der Anblick:
278 ich setzte mich auf einen Pflug, der gegenüber stand, und zeichnete die
279 brüderliche Stellung mit vielem Ergetzen. Ich fügte den nächsten Zaun, ein Scheunentor
280 und einige gebrochene Wagenräder bei, alles, wie es hinter einander stand, und
281 fand nach Verlauf einer Stunde, dass ich eine wohlgeordnete, sehr interessante
282 Zeichnung verfertigt hatte, ohne das mindeste von dem Meinen hinzuzutun. Das
283 bestärkte mich in meinem Vorsatze, mich künftig allein an die Natur zu halten. Sie
284 allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den grossen Künstler. Man kann
285 zum Vorteile der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen
286 Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas
287 Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, der sich durch Gesetze und
288 Wohlstand modeln lässt, nie ein unerträglicher Nachbar, nie ein merkwürdiger
289 Bösewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle,
290 das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören! Sag'
291 du: 'das ist zu hart! Sie schränkt nur ein, beschneidet die geilen Reben'
292 etc.—guter Freund, soll ich dir ein Gleichnis geben? Es ist damit wie mit der Liebe.
293 Ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alle Stunden seines Tages
294 bei ihr zu, verschwendet alle seine Kräfte, all sein Vermögen, um ihr jeden
295 Augenblick auszudrücken, dass er sich ganz ihr hingibt. Und da käme ein Philister, ein
296 Mann, der in einem öffentlichen Amte steht, und sagte zu ihm: 'feiner junger
297 Herr! Lieben ist menschlich, nur müsst Ihr menschlich lieben! Teilet Eure Stunden
298 ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungsstunden widmet Eurem Mädchen.
299 Berechnet Euer Vermögen, und was Euch von Eurer Notdurft übrig bleibt, davon
300 verwehr' ich Euch nicht, ihr ein Geschenk, nur nicht zu oft, zu machen, etwa zu
301 ihrem Geburts—und Namenstage ' etc.—folgt der Mensch, so gibt's einen
302 brauchbaren jungen Menschen, und ich will selbst jedem Fürsten raten, ihn in ein
303 Kollegium zu setzen; nur mit seiner Liebe ist's am Ende und, wenn er ein Künstler
304 ist, mit seiner Kunst. O meine Freunde! Warum der Strom des Genies so selten
305 ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust und eure staunende Seele
306 erschüttert?—liebe Freunde, da wohnen die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers,
307 denen ihre Gartenhäuschen, Tulpenbeete und Krautfelder zugrunde gehen würden,
308 die daher in Zeiten mit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr
309 abzuwehren wissen.
310
311 Am 27. Mai
312
313 Ich bin, wie ich sehe, in Verzückung, Gleichnisse und Deklamation verfallen
314 und habe darüber vergessen, dir auszuerzählen, was mit den Kindern weiter
315 geworden ist. Ich sass, ganz in malerische Empfindung vertieft, die dir mein
316 gestriges Blatt sehr zerstückt darlegt, auf meinem Pfluge wohl zwei Stunden. Da
317 kommt gegen Abend eine junge Frau auf die Kinder los, die sich indes nicht
318 gerührt hatten, mit einem Körbchen am Arm und ruft von weitem: "Philipps, du bist
319 recht brav". —Sie grüsste mich, ich dankte ihr, stand auf, trat näher hin und
320 fragte sie, ob sie Mutter von den Kindern wäre? Sie bejahte es, und indem sie dem
321 ältesten einen halben Weck gab, nahm sie das kleine auf und küsste es mit aller
322 mütterlichen Liebe.—"ich habe", sagte sie, "meinem Philipps das Kleine zu halten
323 gegeben und bin mit meinem Ältesten in die Stadt gegangen, um weiss Brot zu holen
324 und Zucker und ein irden Breipfännchen".—Ich sah das alles in dem Korbe,
325 dessen Deckel abgefallen war.—"Ich will meinem Hans (das war der Name des
326 Jüngsten) ein Süppchen kochen zum Abende; der lose Vogel, der Grosse, hat mir gestern
327 das Pfännchen zerbrochen, als er sich mit Philippsen um die Scharre des Breis
328 zankte".—ich fragte nach dem Ältesten, und sie hatte mir kaum gesagt, dass er sich auf
329 der Wiese mit ein paar Gänsen herumjage, als er gesprungen kam und dem Zweiten
330 eine Haselgerte mitbrachte. Ich unterhielt mich weiter mit dem Weibe und
331 erfuhr, dass sie des Schulmeisters Tochter sei, und dass ihr Mann eine Reise in die
332 Schweiz gemacht habe, um die Erbschaft eines Vetters zu holen.—"Sie haben ihn drum
333 betriegen wollen", sagte sie,"und ihm auf seine Briefe nicht geantwortet; da ist er
334 selbst hineingegangen. Wenn ihm nur kein Unglück widerfahren ist, ich höre nichts
335 von ihm".—Es ward mir schwer, mich von dem Weibe los zu machen, gab jedem der
336 Kinder einen Kreuzer, und auch fürs jüngste gab ich ihr einen, ihm einen Weck zur
337 Suppe mitzubringen, wenn sie in die Stadt ginge, und so schieden wir von
338 einander.
339
340 Ich sage dir, mein Schatz, wenn meine Sinne gar nicht mehr halten wollen, so
341 lindert all den Tumult der Anblick eines solchen Geschöpfs, das in glücklicher
342 Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht, von einem Tage zum andern sich
343 durchhilft, die Blätter abfallen sieht und nichts dabei denkt, als dass der Winter
344 kommt.
345
346 Seit der Zeit bin ich oft draussen. Die Kinder sind ganz an mich gewöhnt, sie
347 kriegen Zucker, wenn ich Kaffee trinke, und teilen das Butterbrot und die saure
348 Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie, und wenn ich
349 nicht nach der Betstunde da bin, so hat die Wirtin Ordre, ihn auszuzahlen.
350
351 Sie sind vertraut, erzählen mir allerhand, und besonders ergetze ich mich an
352 ihren Leidenschaften und simpeln Ausbrüchen des Begehrens, wenn mehr Kinder aus
353 dem Dorfe sich versammeln.
354
355 Viele Mühe hat mich's gekostet, der Mutter ihre Besorgnis zu nehmen, sie möchten
356 den Herrn inkommodieren.
357
358 Am 30. Mai
359
360 Was ich dir neulich von der Malerei sagte, gilt gewiss auch von der Dichtkunst;
361 es ist nur, dass man das Vortreffliche erkenne und es auszusprechen wage, und
362 das ist freilich mit wenigem viel gesagt. Ich habe heute eine Szene gehabt,
363 die, rein abgeschrieben, die schönste Idylle von der Welt gäbe; doch was soll
364 Dichtung, Szene und Idylle? Muss es denn immer gebosselt sein, wenn wir teil an einer
365 Naturerscheinung nehmen sollen?
366
367 Wenn du auf diesen Eingang viel Hohes und Vornehmes erwartest, so bist du
368 wieder übel betrogen; es ist nichts als ein Bauerbursch, der mich zu dieser
369 lebhaften Teilnehmung hingerissen hat. Ich werde, wie gewöhnlich, schlecht erzählen,
370 und du wirst mich, wie gewöhnlich, denk' ich, übertrieben finden; es ist
371 wieder Wahlheim, und immer Wahlheim, das diese Seltenheiten hervorbringt.
372
373 Es war eine Gesellschaft draussen unter den Linden, Kaffee zu trinken. Weil
374 sie mir nicht ganz anstand, so blieb ich unter einem Vorwande zurück.
375
376 Ein Bauerbursch kam aus einem benachbarten Hause und beschäftigte sich, an dem
377 Pfluge, den ich neulich gezeichnet hatte, etwas zurecht zu machen. Da mir sein
378 Wesen gefiel, redete ich ihn an, fragte nach seinen Umständen, wir waren bald
379 bekannt und, wie mir's gewöhnlich mit dieser Art Leuten geht, bald vertraut. Er
380 erzählte mir, dass er bei einer Witwe in Diensten sei und von ihr gar wohl gehalten
381 werde. Er sprach so vieles von ihr und lobte sie dergestalt, dass ich bald merken
382 konnte, er sei ihr mit Leib und Seele zugetan. Sie sei nicht mehr jung, sagte er,
383 sie sei von ihrem ersten Mann übel gehalten worden, wolle nicht mehr heiraten,
384 und aus seiner Erzählung leuchtete so merklich hervor, wie schön, wie reizend
385 sie für ihn sei, wie sehr er wünschte, dass sie ihn wählen möchte, um das
386 Andenken der Fehler ihres ersten Mannes auszulöschen, dass ich Wort für Wort
387 wiederholen müsste, um dir die reine Neigung, die Liebe und Treue dieses Menschen
388 anschaulich zu machen. Ja, ich müsste die Gabe des grössten Dichters besitzen, um dir
389 zugleich den Ausdruck seiner Gebärden, die Harmonie seiner Stimme, das heimliche
390 Feuer seiner Blicke lebendig darstellen zu können. Nein, es sprechen keine Worte
391 die Zartheit aus, die in seinem ganzen Wesen und Ausdruck war; es ist alles
392 nur plump, was ich wieder vorbringen könnte. Besonders rührte mich, wie er
393 fürchtete, ich möchte über sein Verhältnis zu ihr ungleich denken und an ihrer guten
394 Aufführung zweifeln. Wie reizend es war, wenn er von ihrer Gestalt, von ihrem Körper
395 sprach, der ihn ohne jugendliche Reize gewaltsam an sich zog und fesselte, kann
396 ich mir nur in meiner innersten Seele wiederholen. Ich hab' in meinem Leben
397 die dringende Begierde und das heisse, sehnliche Verlangen nicht in dieser
398 Reinheit gesehen, ja wohl kann ich sagen, in dieser Reinheit nicht gedacht und
399 geträumt. Schelte mich nicht, wenn ich dir sage, dass bei der Erinnerung dieser
400 Unschuld und Wahrheit mir die innerste Seele glüht, und dass mich das Bild dieser
401 Treue und Zärtlichkeit überall verfolgt, und dass ich, wie selbst davon
402 entzündet, lechze und schmachte.
403
404 Ich will nun suchen, auch sie ehstens zu sehn, oder vielmehr, wenn ich's recht
405 bedenke, ich will's vermeiden. Es ist besser, ich sehe sie durch die Augen ihres
406 Liebhabers; vielleicht erscheint sie mir vor meinen eigenen Augen nicht so, wie sie
407 jetzt vor mir steht, und warum soll ich mir das schöne Bild verderben?
408
409 Am 16. Junius
410
411 Warum ich dir nicht schreibe?—Fragst du das und bist doch auch der Gelehrten
412 einer. Du solltest raten, dass ich mich wohl befinde, und zwar—kurz und gut, ich
413 habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe—ich weiss
414 nicht.
415
416 Dir in der Ordnung zu erzählen, wie's zugegangen ist, dass ich eins der
417 liebenswürdigsten Geschöpfe habe kennen lernen, wird schwer halten. Ich bin vergnügt und
418 glücklich, und also kein guter Historienschreiber.
419
420 Einen Engel!—pfui! Das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Und doch bin ich
421 nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist, warum sie vollkommen ist;
422 genug, sie hat allen meinen Sinn gefangengenommen.
423
424 So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Güte bei so viel Festigkeit,
425 und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und der Tätigkeit.—Das ist alles
426 garstiges Gewäsch, was ich da von ihr sage, leidige Abstraktionen, die nicht einen
427 Zug ihres Selbst ausdrücken. Ein andermal—nein, nicht ein andermal, jetzt
428 gleich will ich dir's erzählen. Tu' ich 's jetzt nicht, so geschäh' es niemals.
429 Denn, unter uns, seit ich angefangen habe zu schreiben, war ich schon dreimal im
430 Begriffe, die Feder niederzulegen, mein Pferd satteln zu lassen und hinauszureiten.
431 Und doch schwur ich mir heute früh, nicht hinauszureiten, und gehe doch alle
432 Augenblick' ans Fenster, zu sehen, wie hoch die Sonne noch steht.—Ich hab's nicht
433 überwinden können, ich musste zu ihr hinaus. Da bin ich wieder, Wilhelm, will mein
434 Butterbrot zu Nacht essen und dir schreiben. Welch eine Wonne das für meine Seele
435 ist, sie in dem Kreise der lieben, muntern Kinder, ihrer acht Geschwister, zu
436 sehen!—Wenn ich so fortfahre, wirst du am Ende so klug sein wie am Anfange. Höre denn,
437 ich will mich zwingen, ins Detail zu gehen.
438
439 Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S. habe kennen lernen, und wie er
440 mich gebeten habe, ihn bald in seiner Einsiedelei oder vielmehr seinem kleinen
441 Königreiche zu besuchen. Ich vernachlässigte das, und wäre vielleicht nie hingekommen,
442 hätte mir der Zufall nicht den Schatz entdeckt, der in der stillen Gegend
443 verborgen liegt.
444
445 Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt, zu dem ich mich
446 denn auch willig finden liess. Ich bot einem hiesigen guten, schönen, übrigens
447 unbedeutenden Mädchen die Hand, und es wurde ausgemacht, dass ich eine Kutsche nehmen,
448 mit meiner Tänzerin und ihrer Base nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren
449 und auf dem Wege Charlotten S. mitnehmen sollte.—"Sie werden ein schönes
450 Frauenzimmer kennenlernen", sagte meine Gesellschafterin, da wir durch den weiten,
451 ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren.—"Nehmen Sie sich in acht", versetzte die
452 Base, "dass Sie sich nicht verlieben!"—"Wieso?" sagte ich.—"Sie ist schon
453 vergeben,"antwortete jene,"an einen sehr braven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in
454 Ordnung zu bringen, weil sein Vater gestorben ist, und sich um eine ansehnliche
455 Versorgung zu bewerben".—Die Nachricht war mir ziemlich gleichgültig.
456
457 Die Sonne war noch eine Viertelstunde vom Gebirge, als wir vor dem Hoftore
458 anfuhren. Es war sehr schwül, und die Frauenzimmer äusserten ihre Besorgnis wegen
459 eines Gewitters, das sich in weissgrauen, dumpfichten Wölkchen rings am Horizonte
460 zusammenzuziehen schien. Ich täuschte ihre Furcht mit anmasslicher Wetterkunde, ob mir
461 gleich selbst zu ahnen anfing, unsere Lustbarkeit werde einen Stoss leiden.
462
463 Ich war ausgestiegen, und eine Magd, die ans Tor kam, bat uns, einen
464 Augenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen würde gleich kommen. Ich ging durch den Hof
465 nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die vorliegenden Treppen
466 hinaufgestiegen war und in die Tür trat, fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen,
467 das ich je gesehen habe. in dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu
468 zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Grösse, die ein
469 simples weisses Kleid, mit blassroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hielt
470 ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stück nach
471 Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit solcher Freundlichkeit, und
472 jedes rief so ungekünstelt sein "danke!", indem es mit den kleinen Händchen
473 lange in die Höhe gereicht hatte, ehe es noch abgeschnitten war, und nun mit
474 seinem Abendbrote vergnügt entweder wegsprang, oder nach seinem stillern
475 Charakter gelassen davonging nach dem Hoftore zu, um die Fremden und die Kutsche zu
476 sehen, darin ihre Lotte wegfahren sollte.—"Ich bitte um Vergebung", sagte sie,
477 "dass ich Sie hereinbemühe und die Frauenzimmer warten lasse. Über dem Anziehen
478 und allerlei Bestellungen fürs Haus in meiner Abwesenheit habe ich vergessen,
479 meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben, und sie wollen von niemanden Brot
480 geschnitten haben als von mir".
481
482 Ich machte ihr ein unbedeutendes Kompliment, meine ganze Seele ruhte auf der
483 Gestalt, dem Tone, dem Betragen, und ich hatte eben Zeit, mich von der Überraschung
484 zu erholen, als sie in die Stube lief, ihre Handschuhe und den Fächer zu
485 holen. Die Kleinen sahen mich in einiger Entfernung so von der Seite an, und ich
486 ging auf das jüngste los, das ein Kind von der glücklichsten Gesichtsbildung
487 war. Es zog sich zurück, als eben Lotte zur Türe herauskam und sagte:"Louis,
488 gib dem Herrn Vetter eine Hand".—das tat der Knabe sehr freimütig, und ich
489 konnte mich nicht enthalten, ihn, ungeachtet seines kleinen Rotznäschens,
490 herzlich zu küssen.
491
492 "Vetter?" sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte," glauben Sie, dass ich des
493 Glücks wert sei, mit Ihnen verwandt zu sein?"—"O", sagte sie mit einem
494 leichtfertigen Lächeln, "unsere Vetterschaft ist sehr weitläufig, und es wäre mir leid,
495 wenn Sie der schlimmste drunter sein sollten".—Im Gehen gab sie Sophien, der
496 ältesten Schwester nach ihr, einem Mädchen von ungefähr elf Jahren, den Auftrag,
497 wohl auf die Kinder acht zu haben und den Papa zu grüssen, wenn er vom
498 Spazierritte nach Hause käme. Den Kleinen sagte sie, sie sollten ihrer Schwester Sophie
499 folgen, als wenn sie's selber wäre, das denn auch einige ausdrücklich versprachen.
500 Eine kleine, naseweise Blondine aber, von ungefähr sechs Jahren, sagte: "du
501 bist's doch nicht, Lottchen, wir haben dich doch lieber".—die zwei ältesten
502 Knaben waren hinten auf die Kutsche geklettert, und auf mein Vorbitten erlaubte
503 sie ihnen, bis vor den Wald mitzufahren, wenn sie versprächen, sich nicht zu
504 necken und sich recht festzuhalten.
505
506 Wir hatten uns kaum zurecht gesetzt, die Frauenzimmer sich bewillkommt,
507 wechselsweise über den Anzug, vorzüglich über die Hüte ihre Anmerkungen gemacht und die
508 Gesellschaft, die man erwartete, gehörig durchgezogen, als Lotte den Kutscher halten und
509 ihre Brüder herabsteigen liess, die noch einmal ihre Hand zu küssen begehrten,
510 das denn der älteste mit aller Zärtlichkeit, die dem Alter von fünfzehn Jahren
511 eigen sein kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinn tat. Sie liess die
512 Kleinen noch einmal grüssen, und wir fuhren weiter.
513
514 Die Base fragte, ob sie mit dem Buche fertig wäre, das sie ihr neulich
515 geschickt hätte.—"nein", sagte Lotte,"es gefällt mir nicht, Sie können's
516 wiederhaben. Das vorige war auch nicht besser".—Ich erstaunte, als ich fragte, was es
517 für Bücher wären, und sie mir antwortete:—ich fand so viel Charakter in allem,
518 was sie sagte, ich sah mit jedem Wort neue Reize, neue Strahlen des Geistes
519 aus ihren Gesichtszügen hervorbrechen, die sich nach und nach vergnügt zu
520 entfalten schienen, weil sie an mir fühlte, dass ich sie verstand.
521
522 "Wie ich jünger war", sagte sie, "liebte ich nichts so sehr als Romane. Weiss
523 Gott, wie wohl mir's war, wenn ich mich Sonntags in so ein Eckchen setzen und
524 mit ganzem Herzen an dem Glück und Unstern einer Miss Jonny teilnehmen konnte.
525 Ich leugne auch nicht, dass die Art noch einige Reize für mich hat. Doch da ich
526 so selten an ein Buch komme, so muss es auch recht nach meinem Geschmack sein.
527 Und der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem
528 es zugeht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und
529 herzlich wird als mein eigen häuslich Leben, das freilich kein Paradies, aber doch
530 im ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeit ist".
531
532 Ich bemühte mich, meine Bewegungen über diese Worte zu verbergen. Das ging
533 freilich nicht weit: denn da ich sie mit solcher Wahrheit im Vorbeigehen vom
534 Landpriester von Wakefield, vom—reden hörte, kam ich ganz ausser mich, sagte ihr alles,
535 was ich musste, und bemerkte erst nach einiger Zeit, da Lotte das Gespräch an
536 die anderen wendete, dass diese die Zeit über mit offenen Augen, als sässen sie
537 nicht da, dagesessen hatten. Die Base sah mich mehr als einmal mit einem
538 spöttischen Näschen an, daran mir aber nichts gelegen war.
539
540 Das Gespräch fiel aufs Vergnügen am Tanze.—"wenn diese Leidenschaft ein Fehler
541 ist,"sagte Lotte, "so gestehe ich Ihnen gern, ich weiss mir nichts übers Tanzen. Und
542 wenn ich was im Kopfe habe und mir auf meinem verstimmten Klavier einen
543 Contretanz vortrommle, so ist alles wieder gut".
544
545 Wie ich mich unter dem Gespäche in den schwarzen Augen weidete—wie die
546 lebendigen Lippen und die frischen, muntern Wangen meine ganze Seele anzogen—wie ich,
547 in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz versunken, oft gar die Worte nicht
548 hörte, mit denen sie sich ausdrückte—davon hast du eine Vorstellung, weil du mich
549 kennst. Kurz, ich stieg aus dem Wagen wie ein Träumender, als wir vor dem
550 Lusthause stille hielten, und war so in Träumen rings in der dämmernden Welt
551 verloren, dass ich auf die Musik kaum achtete, die uns von dem erleuchteten Saal
552 herunter entgegenschallte.
553
554 Die zwei Herren Audran und ein gewisser N. N.—wer behält alle die
555 Namen—, die der Base und Lottens Tänzer waren, empfingen uns am
556 Schlage, bemächtigten sich ihrer Frauenzimmer, und ich führte das
557 meinige hinauf.
558
559 Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte ein Frauenzimmer
560 nach dem andern auf, und just die unleidlichsten konnten nicht dazu kommen,
561 einem die Hand zu reichen und ein Ende zu machen. Lotte und ihr Tänzer fingen
562 einen Englischen an, und wie wohl mir's war, als sie auch in der Reihe die Figur
563 mit uns anfing, magst du fühlen. Tanzen muss man sie sehen! Siehst du, sie ist
564 so mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Körper eine
565 Harmonie, so sorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles wäre, als wenn
566 sie sonst nichts dächte, nichts empfände; und in dem Augenblicke gewiss
567 schwindet alles andere vor ihr.
568
569 Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte mit den dritten zu, und mit
570 der liebenswürdigsten Freimütigkeit von der Welt versicherte sie mir, dass sie
571 herzlich gern deutsch tanze.—"Es ist hier so Mode, "fuhr sie fort," dass jedes Paar,
572 das zusammen gehört, beim Deutschen zusammenbleibt, und mein Chapeau walzt
573 schlecht und dankt mir's, wenn ich ihm die Arbeit erlasse. Ihr Frauenzimmer kann's
574 auch nicht und mag nicht, und ich habe im Englischen gesehen, dass Sie gut
575 walzen; wenn Sie nun mein sein wollen fürs Deutsche, so gehen Sie und bitten
576 sich's von meinem Herrn aus, und ich will zu Ihrer Dame gehen".—ich gab ihr die
577 Hand darauf, und wir machten aus, dass ihr Tänzer inzwischen meine Tänzerin
578 unterhalten sollte.
579
580 Nun ging's an, und wir ergetzten uns eine Weile an manigfaltigen Schlingungen
581 der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher Flüchtigkeit bewegte sie sich! Und da
582 wir nun gar ans Walzen kamen und wie die Sphären um einander herumrollten,
583 ging's freilich anfangs, weil's die wenigsten können, ein bisschen bunt
584 durcheinander. Wir waren klug und liessen sie austoben, und als die Ungeschicktesten den
585 Plan geräumt hatten, fielen wir ein und hielten mit noch einem Paare, mit
586 Audran und seiner Tänzerin, wacker aus. Nie ist mir's so leicht vom Flecke
587 gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu
588 haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, dass alles rings umher verging,
589 und—Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat ich aber doch den Schwur, dass ein Mädchen, das ich
590 liebte, auf das ich Ansprüche hätte, mir nie mit einem andern walzen sollte als
591 mit mir, und wenn ich drüber zugrunde gehen müsste. Du verstehst mich!
592
593 Wir machten einige Touren gehend im Saale, um zu verschnaufen. Dann setzte sie
594 sich, und die Orangen, die ich beiseite gebracht hatte, die nun die einzigen
595 noch übrigen waren, taten vortreffliche Wirkung, nur dass mir mit jedem
596 Schnittchen, das sie einer unbescheidenen Nachbarin ehrenhalben zuteilte, ein Stich
597 durchs Herz ging.
598
599 Beim dritten englischen Tanz waren wir das zweite Paar. Wie wir die Reihe
600 durchtanzten und ich, weiss Gott mit wieviel Wonne, an ihrem Arm und Auge hing, das voll
601 vom wahrsten Ausdruck des offensten, reinsten Vergnügens war, kommen wir an
602 eine Frau, die mir wegen ihrer liebenswürdigen Miene auf einem nicht mehr ganz
603 jungen Gesichte merkwürdig gewesen war. Sie sieht Lotten lächelnd an, hebt einen
604 drohenden Finger auf und nennt den Namen Albert zweimal im Vorbeifliegen mit viel
605 Bedeutung.
606
607 "Wer ist Albert?" sagte ich zu Lotten, "wenn's nicht Vermessenheit ist zu
608 fragen".—Sie war im Begriff zu antworten, als wir uns scheiden mussten, um die grosse
609 Achte zu machen, und mich dünkte einiges Nachdenken auf ihrer Stirn zu sehen,
610 als wir so vor einander vorbeikreuzten.—"Was soll ich's Ihnen leugnen," sagte
611 sie, indem sie mir die Hand zur Promenade bot. "Albert ist ein braver Mensch,
612 dem ich so gut als verlobt bin".—nun war mir das nichts Neues (denn die
613 Mädchen hatten mir's auf dem Wege gesagt) und war mir doch so ganz neu, weil ich
614 es noch nicht im Verhältnis auf sie, die mir in so wenig Augenblicken so wert
615 geworden war, gedacht hatte. Genug, ich verwirrte mich, vergass mich und kam
616 zwischen das unrechte Paar hinein, dass alles drunter und drüber ging und Lottens
617 ganze Gegenwart und Zerren und Ziehen nötig war, um es schnell wieder in Ordnung
618 zu bringen.
619
620 Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, die wir schon lange am
621 Horizonte leuchten gesehn und die ich immer für Wetterkühlen ausgegeben hatte, viel
622 stärker zu werden anfingen und der Donner die Musik überstimmte. Drei Frauenzimmer
623 liefen aus der Reihe, denen ihre Herren folgten; die Unordnung wurde allgemein,
624 und die Musik hörte auf. Es ist natürlich, wenn uns ein Unglück oder etwas
625 Schreckliches im Vergnügen überrascht, dass es stärkere Eindrücke auf uns macht als
626 sonst, teils wegen des Gegensatzes, der sich so lebhaft empfinden lässt, teils und
627 noch mehr, weil unsere Sinne einmal der Fühlbarkeit geöffnet sind und also
628 desto schneller einen Eindruck annehmen. Diesen Ursachen muss ich die wunderbaren
629 Grimassen zuschreiben, in die ich mehrere Frauenzimmer ausbrechen sah. Die klügste
630 setzte sich in eine Ecke, mit dem Rücken gegen das Fenster, und hielt die Ohren
631 zu. Eine andere kniete vor ihr nieder und verbarg den Kopf in der erster
632 Schoss. Eine dritte schob sich zwischen beide hinein und umfasste ihre
633 Schwesterchen mit tausend Tränen. Einige wollten nach Hause; andere, die noch weniger
634 wussten, was sie taten, hatten nicht so viel Besinnungskraft, den Keckheiten
635 unserer jungen Schlucker zu steuern, die sehr beschäftigt zu sein schienen, alle
636 die ängstlichen Gebete, die dem Himmel bestimmt waren, von den Lippen der
637 schönen Bedrängten wegzufangen. Einige unserer Herren hatten sich hinabbegeben, um
638 ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen; und die übrige Gesellschaft schlug es nicht
639 aus, als die Wirtin auf den klugen Einfall kam, uns ein Zimmer anzuweisen, das
640 Läden und Vorhänge hätte. Kaum waren wir da angelangt, als Lotte beschäftigt
641 war, einen Kreis von Stühlen zu stellen und, als sich die Gesellschaft auf ihre
642 Bitte gesetzt hatte, den Vortrag zu einem Spiele zu tun.
643
644 Ich sah manchen, der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand sein Mäulchen spitzte
645 und seine Glieder reckte.—"Wir spielen Zählens!" sagte sie. "Nun gebt acht!
646 Ich geh' im Kreise herum von der Rechten zur Linken, und so zählt ihr auch
647 rings herum, jeder die Zahl, die an ihn kommt, und das muss gehen wie ein
648 Lauffeuer, und wer stockt oder sich irrt, kriegt eine Ohrfeige, und so bis
649 tausend".—nun war das lustig anzusehen: sie ging mit ausgestrecktem Arm im Kreise herum.
650 "Eins", fing der erste an, der Nachbar "zwei", "drei" der folgende, und so fort.
651 Dann fing sie an, geschwinder zu gehen, immer geschwinder; da versah's einer:
652 Patsch! Eine Ohrfeige, und über das Gelächter der folgende auch: Patsch! Und immer
653 geschwinder. Ich selbst kriegte zwei Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnügen zu
654 bemerken, dass sie stärker seien, als sie den übrigen zuzumessen pflegte. Ein
655 allgemeines Gelächter und Geschwärm endigte das Spiel, ehe noch das Tausend ausgezählt
656 war. Die Vertrautesten zogen einander beiseite, das Gewitter war vorüber, und
657 ich folgte Lotten in den Saal. Unterwegs sagte sie:"über die Ohrfeigen haben
658 sie Wetter und alles vergessen!"—ich konnte ihr nichts antworten.—"ich war",
659 fuhr sie fort, "eine der Furchtsamsten, und indem ich mich herzhaft stellte, um
660 den andern Mut zu geben, bin ich mutig geworden".—Wir traten ans Fenster. Es
661 donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der
662 erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand
663 auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen
664 Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die
665 meinige und sagte: "Klopstock!"—Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode,
666 die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie
667 in dieser Losung über mich ausgoss. Ich ertrug's nicht, neigte mich auf ihre
668 Hand und küsste sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge
669 wieder—Edler! Hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen, und möcht' ich nun
670 deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören!
671
672 Am 19. Junius
673
674 Wo ich neulich mit meiner Erzählung geblieben bin, weiss ich nicht mehr; das
675 weiss ich, dass es zwei Uhr des Nachts war, als ich zu Bette kam, und dass, wenn
676 ich dir hätte vorschwatzen können, statt zu schreiben, ich dich vielleicht bis
677 an den Morgen aufgehalten hätte.
678
679 Was auf unserer Hereinfahrt vom Balle geschehen ist, habe ich noch nicht
680 erzählt, habe auch heute keinen Tag dazu.
681
682 Es war der herrlichste Sonnenaufgang. Der tröpfelnde Wald und das erfrischte
683 Feld umher! Unsere Gesellschafterinnen nickten ein. Sie fragte mich, ob ich
684 nicht auch von der Partie sein wollte; ihretwegen sollt' ich unbekümmert
685 sein.—"So lange ich diese Augen offen sehe", sagte ich und sah sie fest an,"so lange
686 hat's keine Gefahr".—Und wir haben beide ausgehalten bis an ihr Tor, da ihr die
687 Magd leise aufmachte und auf ihr Fragen versicherte, dass Vater und Kleine wohl
688 seien und alle noch schliefen. Da verliess ich sie mit der Bitte, sie selbigen
689 Tags noch sehen zu dürfen; sie gestand mir's zu, und ich bin gekommen—und seit
690 der Zeit können Sonne, Mond und Sterne geruhig ihre Wirtschaft treiben, ich
691 weiss weder dass Tag noch dass Nacht ist, und die ganze Welt verliert sich um mich
692 her.
693
694 Am 21. Junius
695
696 Ich lebe so glückliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen ausspart; und mit
697 mir mag werden was will, so darf ich nicht sagen, dass ich die Freuden, die
698 reinsten Freuden des Lebens nicht genossen habe.—du kennst mein Wahlheim; dort bin
699 ich völlig etabliert, von da habe ich nur eine halbe Stunde zu Lotten, dort
700 fühl' ich mich selbst und alles Glück, das dem Menschen gegeben ist.
701
702 Hätt' ich gedacht, als ich mir Wahlheim zum Zwecke meiner Spaziergänge wählte,
703 dass es so nahe am Himmel läge! Wie oft habe ich das Jagdhaus, das nun alle
704 meine Wünsche einschliesst, auf meinen weiten Wanderungen, bald vom Berge, bald
705 von der Ebne über den Fluss gesehn!
706
707 Lieber Wilhelm, ich habe allerlei nachgedacht, über die Begier im Menschen, sich
708 auszubreiten, neue Entdeckungen zu machen, herumzuschweifen; und dann wieder über den
709 inneren Trieb, sich der Einschränkung willig zu ergeben, in dem Gleise der
710 Gewohnheit so hinzufahren und sich weder um Rechts noch um Links zu bekümmern.
711
712 Es ist wunderbar: wie ich hierher kam und vom Hügel in das schöne Tal
713 schaute, wie es mich rings umher anzog.—dort das Wäldchen!—ach könntest du dich in
714 seine Schatten mischen!—dort die Spitze des Berges!—ach könntest du von da die
715 weite Gegend überschauen!—die in einander geketteten Hügel und vertraulichen
716 Täler!—o könnte ich mich in ihnen verlieren!—ich eilte hin, und kehrte zurück, und
717 hatte nicht gefunden, was ich hoffte. O es ist mit der Ferne wie mit der
718 Zukunft! Ein grosses dämmerndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung
719 verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! Unser ganzes Wesen
720 hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, grossen, herrlichen Gefühls ausfüllen
721 zu lassen.—und ach! Wenn wir hinzueilen, wenn das Dort nun Hier wird, ist
722 alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in unserer
723 Eingeschränktheit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale.
724
725 So sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinem
726 Vaterlande und findet in seiner Hütte, an der Brust seiner Gattin, in
727 dem Kreise seiner Kinder, in den Geschäften zu ihrer Erhaltung die
728 Wonne, die er in der weiten Welt vergebens suchte.
729
730 Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem Wahlheim und
731 dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke, mich hinsetze, sie
732 abfädne und dazwischen in meinem Homer lese; wenn ich in der kleinen Küche mir
733 einen Topf wähle, mir Butter aussteche, Schoten ans Feuer stelle, zudecke und
734 mich dazusetze, sie manchmal umzuschütteln: da fühl' ich so lebhaft, wie die
735 übermütigen Freier der Penelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten.
736 Es ist nichts, das mich so mit einer stillen, wahren Empfindung ausfüllte als
737 die Züge patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank, ohne Affektation in
738 meine Lebensart verweben kann.
739
740 Wie wohl ist mir's, dass mein Herz die simple, harmlose Wonne des Menschen
741 fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen,
742 und nun nicht den Kohl allein, sondern all die guten Tage, den schönen Morgen,
743 da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoss, und da er an dem
744 fortschreitenden Wachstum seine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder mitgeniesst.
745
746 Am 29. Junius
747
748 Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann und fand mich auf
749 der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir herumkrabbelten, andere
750 mich neckten, und wie ich sie kitzelte und ein grosses Geschrei mit ihnen
751 erregte. Der Doktor, der eine sehr dogmatische Drahtpuppe ist, unterm Reden seine
752 Manschetten in Falten legt und einen Kräusel ohne Ende herauszupft, fand dieses unter
753 der Würde eines gescheiten Menschen; das merkte ich an seiner Nase. Ich liess
754 mich aber in nichts stören, liess ihn sehr vernünftige Sachen abhandeln und
755 baute den Kindern ihre Kartenhäuser wieder, die sie zerschlagen hatten. Auch
756 ging er darauf in der Stadt herum und beklagte, des Amtmanns Kinder wären so
757 schon ungezogen genug, der Werther verderbe sie nun völlig.
758
759 Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde.
760 Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller
761 Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden; wenn ich in dem Eigensinne
762 künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten
763 Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke,
764 alles so unverdorben, so ganz!—immer, immer wiederhole ich dann die goldenen
765 Worte des Lehrers der Menschen:"wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen!" und
766 nun, mein Bester, sie, die unseresgleichen sind, die wir als unsere Muster
767 ansehen sollten, behandeln wir als Untertanen. Sie sollen keinen Willen
768 haben!—haben wir denn keinen? Und wo liegt das Vorrecht?—weil wir älter sind und
769 gescheiter!—guter Gott von deinem Himmel, alte Kinder siehst du und junge Kinder, und nichts
770 weiter; und an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon lange
771 verkündigt. Aber sie glauben an ihn und hören ihn nicht—das ist auch was Altes!—und
772 bilden ihre Kinder nach sich und—Adieu, Wilhelm! Ich mag darüber nicht weiter
773 radotieren.
774
775 Am 1. Julius
776
777 Was Lotte einem Kranken sein muss, fühl' ich an meinem eigenen Herzen, das
778 übler dran ist als manches, das auf dem Siechbette verschmachtet. Sie wird
779 einige Tage in der Stadt bei einer rechtschaffnen Frau zubringen, die sich nach
780 der Aussage der Ärzte ihrem Ende naht und in diesen letzten Augenblicken
781 Lotten um sich haben will. Ich war vorige Woche mit ihr, den Pfarrer von St. zu
782 besuchen; ein Örtchen, das eine Stunde seitwärts im Gebirge liegt. Wir kamen gegen
783 vier dahin. Lotte hatte ihre zweite Schwester mitgenommen. Als wir in den mit
784 zwei hohen Nussbäumen überschatteten Pfarrhof traten, sass der gute alte Mann auf
785 einer Bank vor der Haustür, und da er Lotten sah, ward er wie neu belebt, vergass
786 seinen Knotenstock und wagte sich auf, ihr entgegen. Sie lief hin zu ihm, nötigte
787 ihn sich niederzulassen, indem sie sich zu ihm setzte, brachte viele Grüsse von
788 ihrem Vater, herzte seinen garstigen, schmutzigen jüngsten Buben, das Quakelchen
789 seines Alters. Du hättest sie sehen sollen, wie sie den Alten beschäftigte, wie
790 sie ihre Stimme erhob, um seinen halb tauben Ohren vernehmlich zu werden, wie
791 sie ihm von jungen, robusten Leuten erzählte, die unvermutet gestorben wären,
792 von der Vortrefflichkeit des Karlsbades, und wie sie seinen Entschluss lobte,
793 künftigen Sommer hinzugehen, wie sie fand, dass er viel besser aussähe, viel munterer
794 sei als das letztemal, da sie ihn gesehn.—ich hatte indes der Frau Pfarrerin
795 meine Höflichkeiten gemacht. Der Alte wurde ganz munter, und da ich nicht umhin
796 konnte, die schönen Nussbäume zu loben, die uns so lieblich beschatteten, fing er
797 an, uns, wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit, die Geschichte davon zu
798 geben.—"den alten", sagte er,"wissen wir nicht, wer den gepflanzt hat; einige sagen
799 dieser, andere jener Pfarrer. Der jüngere aber dort hinten ist so alt als meine
800 Frau, im Oktober funfzig Jahr. Ihr Vater pflanzte ihn des Morgens, als sie gegen
801 Abend geboren wurde. Er war mein Vorfahr im Amt, und wie lieb ihm der Baum war,
802 ist nicht zu sagen; mir ist er's gewiss nicht weniger. Meine Frau sass darunter
803 auf einem Balken und strickte, da ich vor siebenundzwanzig Jahren als ein
804 armer Student zum erstenmale hier in den Hof kam".—Lotte fragte nach seiner
805 Tochter; es hiess, sie sei mit Herrn Schmidt auf die Wiese hinaus zu den Arbeitern,
806 und der Alte fuhr in seiner Erzählung fort: wie sein Vorfahr ihn liebgewonnen
807 und die Tochter dazu, und wie er erst sein Vikar und dann sein Nachfolger
808 geworden. Die Geschichte war nicht lange zu Ende, als die Jungfer Pfarrerin mit dem
809 sogenannten Herrn Schmidt durch den Garten herkam: sie bewillkommte Lotten mit
810 herzlicher Wärme, und ich muss sagen, sie gefiel mir nicht übel; eine rasche,
811 wohlgewachsene Brünette, die einen die kurze Zeit über auf dem Lande wohl unterhalten
812 hätte. Ihr Liebhaber (denn als solchen stellte sich Herr Schmidt gleich dar), ein
813 feiner, doch stiller Mensch, der sich nicht in unsere Gespräche mischen wollte, ob
814 ihn gleich Lotte immer hereinzog. Was mich am meisten betrübte, war, dass ich
815 an seinen Gesichtszügen zu bemerken schien, es sei mehr Eigensinn und übler
816 Humor als Eingeschränktheit des Verstandes, der ihn sich mitzuteilen hinderte.
817 In der Folge ward dies leider nur zu deutlich; denn als Friederike beim
818 Spazierengehen mit Lotten und gelegentlich auch mit mir ging, wurde des Herrn Angesicht,
819 das ohnedies einer bräunlichen Farbe war, so sichtlich verdunkelt, dass es Zeit
820 war, dass Lotte mich beim Ärmel zupfte und mir zu verstehn gab, dass ich mit
821 Friederiken zu artig getan. Nun verdriesst mich nichts mehr, als wenn die Menschen
822 einander plagen, am meisten, wenn junge Leute in der Blüte des Lebens, da sie am
823 offensten für alle Freuden sein könnten, einander die paar guten Tage mit Fratzen
824 verderben und nur erst zu spät das Unersetzliche ihrer Verschwendung einsehen. Mich
825 wurmte das, und ich konnte nicht umhin, da wir gegen Abend in den Pfarrhof
826 zurückkehrten und an einem Tische Milch assen und das Gespräch auf Freude und Leid der
827 Welt sich wendete, den Faden zu ergreifen und recht herzlich gegen die üble
828 Laune zu reden.—"wir Menschen beklagen uns oft", fing ich an, "dass der guten
829 Tage so wenig sind und der schlimmen so viel, und, wie mich dünkt, meist mit
830 Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hätten, das Gute zu geniessen, das uns Gott
831 für jeden Tag bereitet, wir würden alsdann auch Kraft genug haben, das Übel zu
832 tragen, wenn es kommt". —"Wir haben aber unser Gemüt nicht in unserer Gewalt",
833 versetzte die Pfarrerin, "wie viel hängt vom Körper ab! Wenn einem nicht wohl ist,
834 ist's einem überall nicht recht".—Ich gestand ihr das ein.—"Wir wollen es also",
835 fuhr ich fort,"als eine Krankheit ansehen und fragen, ob dafür kein Mittel
836 ist?"—"Das lässt sich hören", sagte Lotte, "ich glaube wenigstens, dass viel von uns
837 abhängt. Ich weiss es an mir. Wenn mich etwas neckt und mich verdriesslich machen
838 will, spring' ich auf und sing' ein paar Contretänze den Garten auf und ab,
839 gleich ist's weg".—"das war's, was ich sagen wollte,"versetzte ich,"es ist mit
840 der üblen Laune völlig wie mit der Trägheit, denn es ist eine Art von
841 Trägheit. Unsere Natur hängt sehr dahin, und doch, wenn wir nur einmal die Kraft
842 haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frisch von der Hand, und wir finden
843 in der Tätigkeit ein wahres Vergnügen". —Friederike war sehr aufmerksam, und
844 der junge Mensch wandte mir ein, dass man nicht Herr über sich selbst sei und
845 am wenigsten über seine Empfindungen gebieten könne.—"es ist hier die Frage
846 von einer unangenehmen Empfindung", versetzte ich, "die doch jedermann gerne
847 los ist; und niemand weiss, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sie versucht
848 hat. Gewiss, wer krank ist, wird bei allen Ärzten herumfragen, und die grössten
849 Resignationen, die bittersten Arzeneien wird er nicht abweisen, um seine gewünschte
850 Gesundheit zu erhalten".—ich bemerkte, dass der ehrliche Alte sein Gehör anstrengte,
851 um an unserm Diskurse teilzunehmen, ich erhob die Stimme, indem ich die Rede
852 gegen ihn wandte". Man predigt gegen so viele Laster", sagte ich, "ich habe noch
853 nie gehört, dass man gegen die üble Laune vom Predigtstuhle gearbeitet
854 hätte.—"Das müssten die Stadtpfarrer tun", sagte er, "die Bauern haben keinen bösen
855 Humor; doch könnte es auch zuweilen nicht schaden, es wäre eine Lektion für seine
856 Frau wenigstens und für den Herrn Amtmann".—Die Gesellschaft lachte, und er
857 herzlich mit, bis er in einen Husten verfiel, der unsern Diskurs eine Zeitlang
858 unterbrach; darauf denn der junge Mensch wieder das Wort nahm: "Sie nannten den bösen
859 Humor ein Laster; mich deucht, das ist übertrieben".—"Mit nichten", gab ich zur
860 Antwort, "wenn das, womit man sich selbst und seinem Nächsten schadet, diesen Namen
861 verdient. Ist es nicht genug, dass wir einander nicht glücklich machen können, müssen
862 wir auch noch einander das Vergnügen rauben, das jedes Herz sich noch manchmal
863 selbst gewähren kann? Und nennen Sie mir den Menschen, der übler Laune ist und so
864 brav dabei, sie zu verbergen, sie allein zu tragen, ohne die Freude um sich her
865 zu zerstören! Oder ist sie nicht vielmehr ein innerer Unmut über unsere
866 eigene Unwürdigkeit, ein Missfallen an uns selbst, das immer mit einem Neide
867 verknüpft ist, der durch eine törichte Eitelkeit aufgehetzt wird? Wir sehen
868 glückliche Menschen, die wir nicht glücklich machen, und das ist unerträglich".—Lotte
869 lächelte mich an, da sie die Bewegung sah, mit der ich redete, und eine Träne in
870 Friederikens Auge spornte mich fortzufahren.—"Wehe denen", sagte ich, "die sich der
871 Gewalt bedienen, die sie über ein Herz haben, um ihm die einfachen Freuden zu
872 rauben, die aus ihm selbst hervorkeimen. Alle Geschenke, alle Gefälligkeiten der
873 Welt ersetzen nicht einen Augenblick Vergnügen an sich selbst, den uns eine
874 neidische Unbehaglichkeit unsers Tyrannen vergällt hat".
875
876 Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke; die Erinnerung so manches
877 Vergangenen drängte sich an meine Seele, und die Tränen kamen mir in die Augen.
878
879 "Wer sich das nur täglich sagte",rief ich aus,"du vermagst nichts auf deine
880 Freunde, als ihnen ihre Freuden zu lassen und ihr Glück zu vermehren, indem du es
881 mit ihnen geniessest. Vermagst du, wenn ihre innere Seele von einer
882 ängstigenden Leidenschaft gequält, vom Kummer zerrüttet ist, ihnen einen Tropfen
883 Linderung zu geben?
884
885 Und wenn die letzte, bangste Krankheit dann über das Geschöpf herfällt, das du
886 in blühenden Tagen untergraben hast, und sie nun daliegt in dem
887 erbärmlichsten Ermatten, das Auge gefühllos gen Himmel sieht, der Todesschweiss auf der
888 blassen Stirne abwechselt, und du vor dem Bette stehst wie ein Verdammter, in dem
889 innigsten Gefühl, dass du nichts vermagst mit deinem ganzen Vermögen, und die Angst
890 dich inwendig krampft, dass du alles hingeben möchtest, dem untergehenden
891 Geschöpfe einen Tropfen Stärkung, einen Funken Mut einflössen zu können".
892
893 Die Erinnerung einer solchen Szene, wobei ich gegenwärtig war, fiel mit ganzer
894 Gewalt bei diesen Worten über mich. Ich nahm das Schnupftuch vor die Augen und
895 verliess die Gesellschaft, und nur Lottens Stimme, die mir rief, wir wollten fort,
896 brachte mich zu mir selbst. Und wie sie mich auf dem Wege schalt über den zu
897 warmen Anteil an allem, und dass ich drüber zugrunde gehen würde! Dass ich mich
898 schonen sollte!—O der Engel! Um deinetwillen muss ich leben!
899
900 Am 6. Julius
901
902 Sie ist immer um ihre sterbende Freundin, und ist immer dieselbe, immer das
903 gegenwärtige, holde Geschöpf, das, wo sie hinsieht, Schmerzen lindert und Glückliche
904 macht. Sie ging gestern abend mit Marianen und dem kleinen Malchen spazieren, ich
905 wusste es und traf sie an, und wir gingen zusammen. Nach einem Wege von
906 anderthalb Stunden kamen wir gegen die Stadt zurück, an den Brunnen, der mir so wert
907 und nun tausendmal werter ist. Lotte setzte sich aufs Mäuerchen, wir standen
908 vor ihr. Ich sah umher, ach, und die Zeit, da mein Herz so allein war, lebte
909 wieder vor mir auf.—"Lieber Brunnen", sagte ich, "seither hab' ich nicht mehr an
910 deiner Kühle geruht, hab' in eilendem Vorübergehn dich manchmal nicht
911 angesehn".—Ich blickte hinab und sah, dass Malchen mit einem Glase Wasser sehr beschäftigt
912 heraufstieg.—Ich sah Lotten an und fühlte alles, was ich an ihr habe. Indem kommt Malchen
913 mit einem Glase. Mariane wollt' es ihr abnehmen: "nein!" rief das Kind mit dem
914 süssesten Ausdrucke,"nein, Lottchen, du sollst zuerst trinken!"—ich ward über die
915 Wahrheit, über die Güte, womit sie das ausrief, so entzückt, dass ich meine
916 Empfindung mit nichts ausdrücken konnte, als ich nahm das Kind von der Erde und küsste
917 es lebhaft, das sogleich zu schreien und zu weinen anfing.—"Sie haben übel
918 getan", sagte Lotte.—Ich war betroffen.—"komm, Malchen, "fuhr sie fort, indem sie
919 es bei der Hand nahm und die Stufen hinabführte, "da wasche dich aus der
920 frischen Quelle geschwind, geschwind, da tut's nichts".—Wie ich so dastand und
921 zusah, mit welcher Emsigkeit das Kleine seinen nassen Händchen die Backen rieb,
922 mit welchem Glauben, dass durch die Wunderquelle alle Verunreinigung abgespült
923 und die Schmach abgetan würde, einen hässlichen Bart zu kriegen; wie Lotte
924 sagte: "es ist genug!" und das Kind doch immer eifrig fortwusch, als wenn Viel
925 mehr täte als Wenig—ich sage dir, Wilhelm, ich habe mit mehr Respekt nie einer
926 Taufhandlung beigewohnt; und als Lotte heraufkam, hätte ich mich gern vor ihr
927 niedergeworfen wie vor einem Propheten, der die Schulden einer Nation weggeweiht hat.
928
929 Des Abends konnte ich nicht umhin, in der Freude meines Herzens den Vorfall
930 einem Manne zu erzählen, dem ich Menschensinn zutraute, weil er Verstand hat;
931 aber wie kam ich an! Er sagte, das sei sehr übel von Lotten gewesen; man solle
932 den Kindern nichts weis machen; dergleichen gebe zu unzähligen Irrtümern und
933 Aberglauben Anlass, wovor man die Kinder frühzeitig bewahren müsse.—nun fiel mir ein,
934 dass der Mann vor acht Tagen hatte taufen lassen, drum liess ich's vorbeigehen
935 und blieb in meinem Herzen der Wahrheit getreu: wir sollen es mit den Kindern
936 machen wie Gott mit uns, der uns am glücklichsten macht, wenn er uns in
937 freundlichem Wahne so hintaumeln lässt.
938
939 Am 8. Julius
940
941 Was man ein Kind ist! Was man nach so einem Blicke geizt! Was man ein Kind
942 ist!—Wir waren nach Wahlheim gegangen. Die Frauenzimmer fuhren hinaus, und während
943 unserer Spaziergänge glaubte ich in Lottens schwarzen Augen—ich bin ein Tor,
944 verzeih mir's! Du solltest sie sehen, diese Augen.—Dass ich kurz bin (denn die
945 Augen fallen mir zu vor Schlaf): siehe, die Frauenzimmer stiegen ein, da standen
946 um die Kutsche der junge W., Selstadt und Audran und ich. Da ward aus dem
947 Schlage geplaudert mit den Kerlchen, die freilich leicht und lüftig genug
948 waren.—ich suchte Lottens Augen: ach, sie gingen von einem zum andern! Aber auf mich!
949 Mich! Mich! Der ganz allein auf sie resigniert dastand, fielen sie nicht!—Mein
950 Herz sagte ihr tausend Adieu! Und sie sah mich nicht! Die Kutsche fuhr vorbei,
951 und eine Träne stand mir im Auge. Ich sah ihr nach und sah Lottens Kopfputz
952 sich zum Schlage herauslehnen, und sie wandte sich um zu sehen, ach! Nach
953 mir?—Lieber! In dieser Ungewissheit schwebe ich; das ist mein Trost: vielleicht hat sie
954 sich nach mir umgesehen! Vielleicht!—Gute Nacht! O, was ich ein Kind bin!
955
956 Am 10. Julius
957
958 Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Gesellschaft von ihr gesprochen
959 wird, solltest du sehen! Wenn man mich nun gar fragt, wie sie mir
960 gefällt?—gefällt! Das Wort hasse ich auf den Tod. Was muss das für ein Mensch sein, dem Lotte
961 gefällt, dem sie nicht alle Sinne, alle Empfindungen ausfüllt! Gefällt! Gefällt!
962 Neulich fragte mich einer, wie mir Ossian gefiele!
963
964 Am 11. Julius
965
966 Frau M. ist sehr schlecht; ich bete für ihr Leben, weil ich mit Lotten dulde.
967 Ich sehe sie selten bei einer Freundin, und heute hat sie mir einen
968 wunderbaren Vorfall erzählt.—der alte M. ist ein geiziger, rangiger Filz, der seine
969 Frau im Leben was Rechts geplagt und eingeschränkt hat; doch hat sich die Frau
970 immer durchzuhelfen gewusst. Vor wenigen Tagen, als der Arzt ihr das Leben
971 abgesprochen hatte, liess sie ihren Mann kommen (Lotte war im Zimmer) und redete ihn
972 also an: "ich muss dir eine Sache gestehen, die nach meinem Tode Verwirrung und
973 Verdruss machen könnte. Ich habe bisher die Haushaltung geführt, so ordentlich und
974 sparsam als möglich; allein du wirst mir verzeihen, dass ich dich diese dreissig
975 Jahre her hintergangen habe. Du bestimmtest im Anfange unserer Heirat ein
976 Geringes für die Bestreitung der Küche und anderer häuslichen Ausgaben. Als unsere
977 Haushaltung stärker wurde, unser Gewerbe grösser, warst du nicht zu bewegen, mein
978 Wochengeld nach dem Verhältnisse zu vermehren; kurz, du weisst, dass du in den Zeiten,
979 da sie am grössten war, verlangtest, ich solle mit sieben Gulden die Woche
980 auskommen.
981
982 Die habe ich denn ohne Widerrede genommen und mir den Überschuss wöchentlich
983 aus der Losung geholt, da niemand vermutete, dass die Frau die Kasse bestehlen
984 würde. Ich habe nichts verschwendet und wäre auch, ohne es zu bekennen, getrost
985 der Ewigkeit entgegengegangen, wenn nicht diejenige, die nach mir das
986 Hauswesen zu führen hat, sich nicht zu helfen wissen würde, und du doch immer darauf
987 bestehen könntest, deine erste Frau sei damit ausgekommen".
988
989 Ich redete mit Lotten über die unglaubliche Verblendung des Menschensinns, dass
990 einer nicht argwohnen soll, dahinter müsse was anders stecken, wenn eins mit
991 sieben Gulden hinreicht, wo man den Aufwand vielleicht um zweimal so viel sieht.
992 Aber ich habe selbst Leute gekannt, die des Propheten ewiges Ölkrüglein ohne
993 Verwunderung in ihrem Hause angenommen hätten.
994
995 Am 13. Julius
996
997 Nein, ich betrüge mich nicht! Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre
998 Teilnehmung an mir und meinem Schicksal. Ja ich fühle, und darin darf ich meinem
999 Herzen trauen, dass sie—o darf ich, kann ich den Himmel in diesen Worten
1000 aussprechen?—dass sie mich liebt!
1001
1002 Mich liebt!—und wie wert ich mir selbst werde, wie ich—dir darf ich's wohl
1003 sagen, du hast Sinn für so etwas—wie ich mich selbst anbete, seitdem sie mich
1004 liebt!
1005
1006 Ob das Vermessenheit ist oder Gefühl des wahren Verhältnisses?—ich kenne den
1007 Menschen nicht, von dem ich etwas in Lottens Herzen fürchtete. Und doch—wenn sie
1008 von ihrem Bräutigam spricht, mit solcher Wärme, solcher Liebe von ihm
1009 spricht—da ist mir's wie einem, der aller seiner Ehren und Würden entsetzt und dem
1010 der Degen genommen wird.
1011
1012 Am 16. Julius
1013
1014 Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn mein Finger unversehens den
1015 ihrigen berührt, wenn unsere Füsse sich unter dem Tische begegnen! Ich ziehe zurück
1016 wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder vorwärts—mir wird's so
1017 schwindelig vor allen Sinnen.—O! Und ihre Unschuld, ihre unbefangene Seele fühlt
1018 nicht, wie sehr mich die kleinen Vertraulichkeiten peinigen. Wenn sie gar im
1019 Gespräch ihre Hand auf die meinige legt und im Interesse der Unterredung näher zu
1020 mir rückt, dass der himmlische Atem ihres Mundes meine Lippen erreichen
1021 kann:—ich glaube zu versinken, wie vom Wetter gerührt.—und, Wilhelm! Wenn ich mich
1022 jemals unterstehe, diesen Himmel, dieses Vertrauen—! Du verstehst mich. Nein,
1023 mein Herz ist so verderbt nicht! Schwach! Schwach genug!—und ist das nicht
1024 Verderben?—sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart. Ich weiss nie, wie
1025 mir ist, wenn ich bei ihr bin; es ist, als wenn die Seele sich mir in allen
1026 Nerven umkehrte.—sie hat eine Melodie, die sie auf dem Klaviere spielet mit der
1027 Kraft eines Engels, so simpel und so geistvoll! Es ist ihr Leiblied, und mich
1028 stellt es von aller Pein, Verwirrung und Grillen her, wenn sie nur die erste Note
1029 davon greift.
1030
1031 Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich. Wie
1032 mich der einfache Gesang angreift! Und wie sie ihn anzubringen weiss, oft zur
1033 Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf schiessen möchte! Die Irrung und
1034 Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atme wieder freier.
1035
1036 Am 18. Julius
1037
1038 Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist
1039 ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpchen hinein, so scheinen dir die buntesten
1040 Bilder an deine weisse Wand! Und wenn's nichts wäre als das, als vorübergehende
1041 Phantome, so macht's doch immer unser Glück, wenn wir wie frische Jungen davor
1042 stehen und uns über die Wundererscheinungen entzücken. Heute konnte ich nicht zu
1043 Lotten, eine unvermeidliche Gesellschaft hielt mich ab. Was war zu tun? Ich
1044 schickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menschen um mich zu haben, der ihr
1045 heute nahe gekommen wäre. Mit welcher Ungeduld ich ihn erwartete, mit welcher
1046 Freude ich ihn wiedersah! Ich hätte ihn gern beim Kopfe genommen und geküsst, wenn
1047 ich mich nicht geschämt hätte.
1048
1049 Man erzählt von dem Bononischen Steine, dass er, wenn man ihn in die Sonne
1050 legt, ihre Strahlen anzieht und eine Weile bei Nacht leuchtet. So war mir's mit
1051 dem Burschen. Das Gefühl, dass ihre Augen auf seinem Gesichte, seinen Backen,
1052 seinen Rockknöpfen und dem Kragen am Surtout geruht hatten, machte mir das alles
1053 so heilig, so wert! Ich hätte in dem Augenblick den Jungen nicht um tausend
1054 Taler gegeben. Es war mir so wohl in seiner Gegenwart.—bewahre dich Gott, dass du
1055 darüber lachest. Wilhelm, sind das Phantome, wenn es uns wohl ist?
1056
1057 Den 19. Julius
1058
1059 "Ich werde sie sehen!" ruf' ich morgens aus, wenn ich mich ermuntere und mit
1060 aller Heiterkeit der schönen Sonne entgegenblicke; "ich werde sie sehen!" und da
1061 habe ich für den ganzen Tag keinen Wunsch weiter. Alles, alles verschlingt sich
1062 in dieser Aussicht.
1063
1064 Eure Idee will noch nicht die meinige werden, dass ich mit dem Gesandten nach
1065 *** gehen soll. Ich liebe die Subordination nicht sehr, und wir wissen alle,
1066 dass der Mann noch dazu ein widriger Mensch ist. Meine Mutter möchte mich gern
1067 in Aktivität haben, sagst du, das hat mich zu lachen gemacht. Bin ich jetzt
1068 nicht auch aktiv, und ist's im Grunde nicht einerlei, ob ich Erbsen zähle oder
1069 Linsen? Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der
1070 um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes
1071 Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein Tor.
1072
1073 Am 24. Julius
1074
1075 Da dir so sehr daran gelegen ist, dass ich mein Zeichnen nicht vernachlässige,
1076 möchte ich lieber die ganze Sache übergehen als dir sagen, dass zeither wenig
1077 getan wird.
1078
1079 Noch nie war ich glücklicher, noch nie war meine Empfindung an der Natur, bis
1080 aufs Steinchen, aufs Gräschen herunter, voller und inniger, und doch—ich weiss
1081 nicht, wie ich mich ausdrücken soll, meine vorstellende Kraft ist so schwach,
1082 alles schwimmt und schwankt so vor meiner Seele, dass ich keinen Umriss packen
1083 kann; aber ich bilde mir ein, wenn ich Ton hätte oder Wachs, so wollte ich's
1084 wohl herausbilden. Ich werde auch Ton nehmen, wenn's länger währt, und kneten,
1085 uns sollten's Kuchen werden!
1086
1087 Lottens Porträt habe ich dreimal angefangen, und habe mich dreimal prostituiert;
1088 das mich um so mehr verdriesst, weil ich vor einiger Zeit sehr glücklich im
1089 Treffen war. Darauf habe ich denn ihren Schattenriss gemacht, und damit soll mir
1090 g'nügen.
1091
1092 Ja, liebe Lotte, ich will alles besorgen und bestellen; geben Sie mir nur mehr
1093 Aufträge, nur recht oft. Um eins bitte ich Sie: keinen Sand mehr auf die Zettelchen,
1094 die Sie mir schreiben. Heute führte ich es schnell nach der Lippe, und die
1095 Zähne knisterten mir.
1096
1097 Am 26. Julius
1098
1099 Ich habe mir schon manchmal vorgenommen, sie nicht so oft zu sehn. Ja wer das
1100 halten könnte! Alle Tage unterlieg' ich der Versuchung und verspreche mir heilig:
1101 morgen willst du einmal wegbleiben. Und wenn der Morgen kommt, finde ich doch
1102 wieder eine unwiderstehliche Ursache, und ehe ich mich's versehe, bin ich bei
1103 ihr. Entweder sie hat des Abends gesagt: "Sie kommen doch morgen?"—wer könnte
1104 da wegbleiben? Oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde schicklich, ihr
1105 selbst die Antwort zu bringen; oder der Tag ist gar zu schön, ich gehe nach
1106 Wahlheim, und wenn ich nun da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu ihr!—ich bin
1107 zu nah in der Atmosphäre—zuck! So bin ich dort. Meine Grossmutter hatte ein
1108 Märchen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zu nahe kamen, wurden auf einmal alles
1109 Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten
1110 zwischen den übereinander stürzenden Brettern.
1111
1112 Am 30. Julius
1113
1114 Albert ist angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beste, der edelste
1115 Mensch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu stellen bereit wäre, so
1116 wär's unerträglich, ihn vor meinem Angesicht im Besitz so vieler Vollkommenheit
1117 zu sehen.—Besitz!—genug, Wilhelm, der Bräutigam ist da! Ein braver, lieber
1118 Mann, dem man gut sein muss. Glücklicherweise war ich nicht beim Empfange! Das
1119 hätte mir das Herz zerrissen. Auch ist er so ehrlich und hat Lotten in meiner
1120 Gegenwart noch nicht ein einzigmal geküsst. Das lohn' ihm Gott! Um des Respekts
1121 willen, den er vor dem Mädchen hat, muss ich ihn lieben. Er will mir wohl, und ich
1122 vermute, das ist Lottens Werk mehr als seiner eigenen Empfindung; denn darin sind
1123 die Weiber fein und haben recht; wenn sie zwei Verehrer in gutem Vernehmen mit
1124 einander erhalten können, ist der Vorteil immer ihr, so selten es auch angeht.
1125
1126 Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen. Seine gelassene Aussenseite
1127 sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab, die sich nicht
1128 verbergen lässt. Er hat viel Gefühl und weiss, was er an Lotten hat. Erscheint wenig
1129 üble Laune zu haben, und du weisst, das ist die Sünde, die ich ärger hasse am
1130 Menschen als alle andre.
1131
1132 Er hält mich für einen Menschen von Sinn; und meine Anhänglichkeit zu Lotten,
1133 meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe, vermehrt seinen
1134 Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sie nicht einmal mit keiner
1135 Eifersüchtelei peinigt, das lasse ich dahingestellt sein, wenigstens würd' ich an seinem
1136 Platz nicht ganz sicher vor diesem Teufel bleiben.
1137
1138 Dem sei nun wie ihm wolle, meine Freude, bei Lotten zu sein, ist hin.
1139 Soll ich das Torheit nennen oder Verblendung?—was braucht's Namen!
1140 Erzählt die Sache an sich!—ich wusste alles, was ich jetzt weiss, ehe
1141 Albert kam; ich wusste, dass ich keine Prätension an sie zu machen hatte,
1142 machte auch keine—das heisst, insofern es möglich ist, bei so viel
1143 Liebenswürdigkeit nicht zu begehren—und jetzt macht der Fratze grosse
1144 Augen, da der andere nun wirklich kommt und ihm das Mädchen wegnimmt.
1145
1146 Ich beisse die Zähne auf einander und spott über mein Elend, und spottete derer
1147 doppelt und dreifach, die sagen könnten, ich sollte mich resignieren, und weil es
1148 nun einmal nicht anders sein könnte. —schafft mir diese Strohmänner vom
1149 Halse!—ich laufe in den Wäldern herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert bei
1150 ihr sitzt im Gärtchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, so bin ich
1151 ausgelassen närrisch und fange viel Possen, viel verwirrtes Zeug an. —"um Gottes
1152 willen", sagte mir Lotte heut, "ich bitte Sie, keine Szene wie die von gestern
1153 abend! Sie sind fürchterlich, wenn Sie so lustig sind".—Unter uns, ich passe die
1154 Zeit ab, wenn er zu tun hat; wutsch! Bin ich drauss, und da ist mir's immer
1155 wohl, wenn ich sie allein finde.
1156
1157 Am 8. August
1158
1159 Ich bitte dich, lieber Wilhelm, es war gewiss nicht auf dich geredet, wenn ich
1160 die Menschen unerträglich schalt, die von uns Ergebung in unvermeidliche
1161 Schicksale fordern. Ich dachte wahrlich nicht daran, dass du von ähnlicher Meinung
1162 sein könntest. Und im Grunde hast du recht. Nur eins, mein Bester! In der Welt
1163 ist es sehr selten mit dem Entweder-Oder getan; die Empfindungen und
1164 Handlungsweisen schattieren sich so mannigfaltig, als Abfälle zwischen einer Habichts—und
1165 Stumpfnase sind.
1166
1167 Du wirst mir also nicht übelnehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument
1168 einräume und mich doch zwischen dem Entweder-Oder durchzustehlen suche.
1169
1170 Entweder, sagst du, hast du Hoffnung auf Lotten, oder du hast keine. Gut, im ersten
1171 Fall suche sie durchzutreiben, suche die Erfüllung deiner Wünsche zu umfassen:
1172 im anderen Fall ermanne dich und suche einer elenden Empfindung los zu
1173 werden, die alle deine Kräfte verzehren muss.—Bester! Das ist wohl gesagt, und—bald
1174 gesagt.
1175
1176 Und kannst du von dem Unglücklichen, dessen Leben unter einer schleichenden
1177 Krankheit unaufhaltsam allmählich abstirbt, kannst du von ihm verlangen, er solle
1178 durch einen Dolchstoss der Qual auf einmal ein Ende machen? Und raubt das Übel,
1179 das ihm die Kräfte verzehrt, ihm nicht auch zugleich den Mut, sich davon zu
1180 befreien?
1181
1182 Zwar könntest du mir mit einem verwandten Gleichnisse antworten: wer liesse sich
1183 nicht lieber den Arm abnehmen, als dass er durch Zaudern und Zagen sein Leben
1184 aufs Spiel setzte?—Ich weiss nicht!—Und wir wollen uns nicht in Gleichnissen
1185 herumbeissen. Genug—ja, Wilhelm, ich habe manchmal so einen Augenblick aufspringenden,
1186 abschüttelnden Muts, und da—wenn ich nur wüsste wohin, ich ginge wohl.
1187
1188 Abends
1189
1190 Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlässiget, fiel mir heut wieder
1191 in die Hände, und ich bin erstaunt, wie ich so wissentlich in das alles,
1192 Schritt vor Schritt, hineingegangen bin! Wie ich über meinen Zustand immer so klar
1193 gesehen und doch gehandelt habe wie ein Kind, jetzt noch so klar sehe, und es noch
1194 keinen Anschein zur Besserung hat.
1195
1196 Am 10. August
1197
1198 Ich könnte das beste, glücklichste Leben führen, wenn ich nicht ein Tor wäre.
1199 So schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht, eines Menschen Seele zu
1200 ergetzen, als die sind, in denen ich mich jetzt befinde. Ach so gewiss ist's, dass
1201 unser Herz allein sein Glück macht. —ein Glied der liebenswürdigen Familie zu
1202 sein, von dem Alten geliebt zu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein
1203 Vater, und von Lotten! —dann der ehrliche Albert, der durch keine launische Unart
1204 mein Glück stört; der mich mit herzlicher Freundschaft umfasst; dem ich nach
1205 Lotten das Liebste auf der Welt bin!—Wilhelm, es ist eine Freude, uns zu hören,
1206 wenn wir spazierengehen und uns einander von Lotten unterhalten: es ist in der
1207 Welt nichts Lächerlichers erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch
1208 kommen mir oft darüber die Tränen in die Augen.
1209
1210 Wenn er mir von ihrer rechtschaffenen Mutter erzählt: wie sie auf ihrem
1211 Todbette Lotten ihr Haus und ihre Kinder übergeben und ihm Lotten anbefohlen habe,
1212 wie seit der Zeit ein ganz anderer Geist Lotten belebt habe, wie sie, in der
1213 Sorge für ihre Wirtschaft und in dem Ernste, eine wahre Mutter geworden, wie
1214 kein Augenblick ihrer Zeit ohne tätige Liebe, ohne Arbeit verstrichen, und
1215 dennoch ihre Munterkeit, ihr leichter Sinn sie nie dabei verlassen habe.—Ich gehe
1216 so neben ihm hin und pflücke Blumen am Wege, füge sie sehr sorgfältig in
1217 einen Strauss und—werfe sie in den vorüberfliessenden Strom und sehe ihnen nach,
1218 wie sie leise hinunterwallen.—Ich weiss nicht, ob ich dir geschrieben habe, dass
1219 Albert hier bleiben und ein Amt mit einem artigen Auskommen vom Hofe erhalten
1220 wird, wo er sehr beliebt ist. In Ordnung und Emsigkeit in Geschäften habe ich
1221 wenig seinesgleichen gesehen.
1222
1223 Am 12. August
1224
1225 Gewiss, Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel. Ich habe gestern eine
1226 wunderbare Szene mit ihm gehabt. Ich kam zu ihm, um Abschied von ihm zu nehmen; denn
1227 mich wandelte die Lust an, ins Gebirge zu reiten, von woher ich dir auch jetzt
1228 schreibe, und wie ich in der Stube auf und ab gehe, fallen mir seine Pistolen in die
1229 Augen.—"Borge mir die Pistolen", sagte ich, "zu meiner Reise".—"Meinetwegen", sagte er,
1230 "wenn du dir die Mühe nehmen willst, sie zu laden; bei mir hängen sie nur pro
1231 forma".—Ich nahm eine herunter, und er fuhr fort: "seit mir meine Vorsicht einen so
1232 unartigen Streich gespielt hat, mag ich mit dem Zeuge nichts mehr zu tun haben".—Ich
1233 war neugierig, die Geschichte zu wissen.—"Ich hielt mich", erzählte er, "wohl
1234 ein Vierteljahr auf dem Lande bei einem Freunde auf, hatte ein paar Terzerolen
1235 ungeladen und schlief ruhig. Einmal an einem regnichten Nachmittage, da ich müssig
1236 sitze, weiss ich nicht, wie mir einfällt: wir könnten überfallen werden, wir
1237 könnten die Terzerolen nötig haben und könnten—du weisst ja, wie das ist.—ich gab
1238 sie dem Bedienten, sie zu putzen und zu laden; und der dahlt mit den Mädchen,
1239 will sie schrecken, und Gott weiss wie, das Gewehr geht los, da der Ladstock
1240 noch drin steckt, und schiesst den Ladstock einem Mädchen zur Maus herein an der
1241 rechten Hand und zerschlägt ihr den Daumen. Da hatte ich das Lamentieren, und die
1242 Kur zu bezahlen obendrein, und seit der Zeit lass' ich alles Gewehr ungeladen.
1243 Lieber Schatz, was ist Vorsicht? Die Gefahr lässt sich nicht auslernen! Zwar.—Nun
1244 weisst du, dass ich den Menschen sehr lieb habe bis auf seine Zwar; denn versteht
1245 sich's nicht von selbst, dass jeder allgemeine Satz Ausnahmen leidet? Aber so
1246 rechtfertig ist der Mensch! Wenn er glaubt, etwas Übereiltes, Allgemeines, Halbwahres
1247 gesagt zu haben, so hört er dir nicht auf zu limitieren, zu modifizieren und
1248 ab—und zuzutun, bis zuletzt gar nichts mehr an der Sache ist.
1249
1250 Und bei diesem Anlass kam er sehr tief in Text: ich hörte endlich gar nicht
1251 weiter auf ihn, verfiel in Grillen, und mit einer auffahrenden Gebärde drückte
1252 ich mir die Mündung der Pistole übers rechte Aug' an die Stirn.—"Pfui!" sagte
1253 Albert, indem er mir die Pistole herabzog, "was soll das?"—"Sie ist nicht
1254 geladen", sagte ich.—"Und auch so, was soll's?" versetzte er ungeduldig. "Ich kann
1255 mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so töricht sein kann, sich zu erschiessen;
1256 der blosse Gedanke erregt mir Widerwillen".
1257
1258 "Dass ihr Menschen", rief ich aus, "um von einer Sache zu reden, gleich sprechen
1259 müsst: 'das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös!' und was will
1260 das alles heissen? Habt ihr deswegen die innern Verhältnisse einer Handlung
1261 erforscht? Wisst ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah,
1262 warum sie geschehen musste? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit
1263 euren Urteilen sein". "Du wirst mir zugeben", sagte Albert, "dass gewisse
1264 Handlungen lasterhaft bleiben, sie mögen geschehen, aus welchem Beweggrunde sie
1265 wollen". Ich zuckte die Achseln und gab's ihm zu.—"Doch, mein Lieber", fuhr ich
1266 fort, "finden sich auch hier einige Ausnahmen. Es ist wahr, der Diebstahl ist
1267 ein Laster: aber der Mensch, der, um sich und die Seinigen vom gegenwärtigen
1268 Hungertode zu erretten, auf Raub ausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe? Wer
1269 hebt den ersten Stein auf gegen den Ehemann, der im gerechten Zorne sein
1270 untreues Weib und ihren nichtswürdigen Verführer aufopfert? Gegen das Mädchen, das
1271 in einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden der Liebe
1272 verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltblütigen Pedanten, lassen sich rühren und
1273 halten ihre Strafe zurück".
1274
1275 "Das ist ganz was anders", versetzte Albert, "weil ein Mensch, den seine
1276 Leidenschaften hinreissen, alle Besinnungskraft verliert und als ein Trunkener, als ein
1277 Wahnsinniger angesehen wird". "Ach ihr vernünftigen Leute!" rief ich lächelnd aus.
1278 "Leidenschaft! Trunkenheit! Wahnsinn! Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnehmung da, ihr
1279 sittlichen Menschen, scheltet den Trinker, verabscheut den Unsinnigen, geht vorbei
1280 wie der Priester und dankt Gott wie der Pharisäer, dass er euch nicht gemacht
1281 hat wie einen von diesen. Ich bin mehr als einmal trunken gewesen, meine
1282 Leidenschaften waren nie weit vom Wahnsinn, und beides reut mich nicht: denn ich habe in
1283 einem Masse begreifen lernen, wie man alle ausserordentlichen Menschen, die etwas
1284 Grosses, etwas Unmöglichscheinendes wirkten, von jeher für Trunkene und Wahnsinnige
1285 ausschreiten musste. Aber auch im gemeinen Leben ist's unerträglich, fast einem jeden
1286 bei halbweg einer freien, edlen, unerwarteten Tat nachrufen zu hören: ' der
1287 Mensch ist trunken, der ist närrisch!' Schämt euch, ihr Nüchternen! Schämt euch,
1288 ihr Weisen!" "Das sind nun wieder von deinen Grillen", sagte Albert, "du
1289 überspannst alles und hast wenigstens hier gewiss unrecht, dass du den Selbstmord, wovon
1290 jetzt die Rede ist, mit grossen Handlungen vergleichst: da man es doch für nichts
1291 anders als eine Schwäche halten kann. Denn freilich ist es leichter zu sterben,
1292 als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen". Ich war im Begriff
1293 abzubrechen; denn kein Argument bringt mich so aus der Fassung, als wenn einer mit
1294 einem unbedeutenden Gemeinspruche angezogen kommt, wenn ich aus ganzem Herzen
1295 rede.
1296
1297 Doch fasste ich mich, weil ich's schon oft gehört und mich öfter darüber
1298 geärgert hatte, und versetzte ihm mit einiger Lebhaftigkeit: "Du nennst das
1299 Schwäche? Ich bitte dich, lass dich vom Anscheine nicht verführen. Ein Volk, das
1300 unter dem unerträglichen Joch eines Tyrannen seufzt, darfst du das schwach
1301 heissen, wenn es endlich aufgärt und seine Ketten zerreisst? Ein Mensch, der über
1302 dem Schrecken, dass Feuer sein Haus ergriffen hat, alle Kräfte gespannt fühlt
1303 und mit Leichtigkeit Lasten wegträgt, die er bei ruhigem Sinne kaum bewegen
1304 kann; einer, der in der Wut der Beleidigung es mit sechsen aufnimmt und sie
1305 überwältig, sind die schwach zu nennen? Und, mein Guter, wenn Anstrengung Stärke ist,
1306 warum soll die Überspannung das Gegenteil sein?"—Albert sah mich an und sagte:
1307 "nimm mir's nicht übel, die Beispiele, die du gibst, scheinen hieher gar nicht
1308 zu gehören".—"Es mag sein", sagte ich, "man hat mir schon öfters vorgeworfen,
1309 dass meine Kombinationsart manchmal an Radotage grenze. Lasst uns denn sehen, ob
1310 wir uns auf eine andere Weise vorstellen können, wie dem Menschen zu Mute sein
1311 mag, der sich entschliesst, die sonst angenehme Bürde des Lebens abzuwerfen.
1312 Denn nur insofern wir mitempfinden, haben wir die Ehre, von einer Sache zu
1313 reden".
1314
1315 "Die menschliche Natur", fuhr ich fort, "hat ihre Grenzen: sie kann Freude,
1316 Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald
1317 der überstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder
1318 stark ist, sondern ob er das Mass seines Leidens ausdauern kann, es mag nun
1319 moralisch oder körperlich sein. Und ich finde es ebenso wunderbar zu sagen, der
1320 Mensch ist feige, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen
1321 Feigen zu nennen, der an einem bösartigen Fieber stirbt".
1322
1323 "Paradox! Sehr paradox!" rief Albert aus.—"Nicht so sehr, als du denkst", versetzte
1324 ich. "Du gibst mir zu, wir nennen das eine Krankheit zum Tode, wodurch die
1325 Natur so angegriffen wird, dass teils ihre Kräfte verzehrt, teils so ausser
1326 Wirkung gesetzt werden, dass sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine
1327 glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen fähig
1328 ist.
1329
1330 Nun, mein Lieber, lass uns das auf den Geist anwenden. Sieh den
1331 Menschen an in seiner Eingeschränktheit, wie Eindrücke auf ihn wirken,
1332 Ideen sich bei ihm festsetzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaft
1333 ihn aller ruhigen Sinneskraft beraubt und ihn zugrunde richtet.
1334
1335 Vergebens, dass der gelassene, vernünftige Mensch den Zustand Unglücklichen übersieht,
1336 vergebens, dass er ihm zuredet! Ebenso wie ein Gesunder, der am Bette des Kranken
1337 steht, ihm von seinen Kräften nicht das geringste einflössen kann".
1338
1339 Alberten war das zu allgemein gesprochen. Ich erinnerte ihn an ein Mädchen, das man
1340 vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden, und wiederholte ihm ihre
1341 Geschichte.—"Ein gutes, junges Geschöpf, das in dem engen Kreise häuslicher
1342 Beschäftigungen, wöchentlicher bestimmter Arbeit herangewachsen war, das weiter keine
1343 Aussicht von Vergnügen kannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach
1344 zusammengeschafften Putz mit ihresgleichen um die Stadt spazierenzugehen, vielleicht alle
1345 hohen Feste einmal zu tanzen und übrigens mit aller Lebhaftigkeit des
1346 herzlichsten Anteils manche Stunde über den Anlass eines Gezänkes, einer übeln Nachrede
1347 mit einer Nachbarin zu verplaudern—deren feurige Natur fühlt nun endlich
1348 innigere Bedürfnisse, die durch die Schmeicheleien der Männer vermehrt werden; ihre
1349 vorigen Freuden werden ihr nach und nach unschmackhaft, bis sie endlich einen
1350 Menschen antrifft, zu dem ein unbekanntes Gefühl sie unwiderstehlich hinreisst, auf
1351 den sie nun alle ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um sich vergisst, nichts
1352 hört, nichts sieht, nichts fühlt als ihn, den Einzigen, sich nur sehnt nach ihm,
1353 dem Einzigen. Durch die leeren Vergnügungen einer unbeständigen Eitelkeit
1354 nicht verdorben, zieht ihr Verlangen gerade nach dem Zweck, sie will die Seinige
1355 werden, sie will in ewiger Verbindung all das Glück antreffen, das ihr mangelt,
1356 die Vereinigung aller Freuden geniessen, nach denen sie sich sehnte.
1357 Wiederholtes Versprechen, das ihr die Gewissheit aller Hoffnungen versiegelt, kühne
1358 Liebkosungen, die ihre Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele; sie schwebt in
1359 einem dumpfen Bewusstsein, in einem Vorgefühl aller Freuden, sie ist bis auf den
1360 höchsten Grad gespannt, sie streckt endlich ihre Arme aus, all ihre Wünsche zu
1361 umfassen—und ihr Geliebter verlässt sie.—Erstarrt, ohne Sinne steht sie vor einem
1362 Abgrunde; alles ist Finsternis um sie her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung!
1363 Denn der hat sie verlassen, in dem sie allein ihr Dasein fühlte. Sie sieht
1364 nicht die weite Welt, die vor ihr liegt, nicht die vielen, die ihr den Verlust
1365 ersetzen könnten, sie fühlt sich allein, verlassen von aller Welt,—und blind, in
1366 die Enge gepresst von der entsetzlichen Not ihres Herzens, stürzt sie sich
1367 hinunter, um in einem rings umfangenden Tode alle ihre Qualen zu ersticken.—Sieh,
1368 Albert, das ist die Geschichte so manches Menschen! Und sag', ist das nicht der
1369 Fall der Krankheit? Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der
1370 verworrenen und widersprechenden Kräfte, und der Mensch muss sterben. Wehe dem, der
1371 zusehen und sagen könnte: 'die Törin! Hätte sie gewartet, hätte sie die Zeit
1372 wirken lassen, die Verzweifelung würde sich schon gelegt, es würde sich schon ein
1373 anderer sie zu trösten vorgefunden haben.'—Das ist eben, als wenn einer sagte:
1374 'der Tor, stirbt am Fieber! Hätte er gewartet, bis seine Kräfte sich erholt,
1375 seine Säfte sich verbessert, der Tumult seines Blutes sich gelegt hätten: alles
1376 wäre gut gegangen, und er lebte bis auf den heutigen Tag! '"
1377
1378 Albert, dem die Vergleichung noch nicht anschaulich war, wandte noch einiges ein,
1379 und unter andern: ich hätte nur von einem einfältigen Mädchen gesprochen; wie
1380 aber ein Mensch von Verstande, der nicht so eingeschränkt sei, der mehr
1381 Verhältnisse übersehe, zu entschuldigen sein möchte, könne er nicht begreifen.—"Mein
1382 Freund", rief ich aus, "der Mensch ist Mensch, und das bisschen Verstand, das einer
1383 haben mag, kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wütet und die
1384 Grenzen der Menschheit einen drängen. Vielmehr—ein andermal davon", sagte ich und
1385 griff nach meinem Hute. O mir war das Herz so voll—und wir gingen auseinander,
1386 ohne einander verstanden zu haben. Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den
1387 andern versteht.
1388
1389 Am 15. August
1390
1391 Es ist doch gewiss, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht als
1392 die Liebe. Ich fühl's an Lotten, dass sie mich ungern verlöre, und die Kinder
1393 haben keinen andern Begriff, als dass ich immer morgen wiederkommen würde. Heute
1394 war ich hinausgegangen, Lottens Klavier zu stimmen, ich konnte aber nicht dazu
1395 kommen, denn die Kleinen verfolgten mich um ein Märchen, und Lotte sagte selbst,
1396 ich sollte ihnen den Willen tun. Ich schnitt ihnen das Abendbrot, das sie nun
1397 fast so gern von mir als von Lotten annehmen, und erzählte ihnen das
1398 Hauptstückchen von der Prinzessin, die von Händen bedient wird. Ich lerne viel dabei, das
1399 versichre ich dich, und ich bin erstaunt, was es auf sie für Eindrücke macht. Weil
1400 ich manchmal einen Inzidentpunkt erfinden muss, den ich beim zweitenmal
1401 vergesse, sagen sie gleich, das vorigemal wär' es anders gewesen, so dass ich mich
1402 jetzt übe, sie unveränderlich in einem singenden Silbenfall an einem Schnürchen
1403 weg zu rezitieren. Ich habe daraus gelernt, wie ein Autor durch eine zweite,
1404 veränderte Ausgabe seiner Geschichte, und wenn sie poetisch noch so besser geworden
1405 wäre, notwendig seinem Buche schaden muss. Der erste Eindruck findet uns willig,
1406 und der Mensch ist gemacht, dass man ihn das Abenteuerlichste überreden kann;
1407 das haftet aber auch gleich so fest, und wehe dem, der es wieder auskratzen
1408 und austilgen will!
1409
1410 Am 18. August
1411
1412 Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder
1413 die Quelle seines Elendes würde?
1414
1415 Das volle, warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit
1416 so vieler Wonne überströmte, das rings umher die Welt mir zu einem Paradiese
1417 schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger, zu einem quälenden Geist,
1418 der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich sonst vom Felsen über den Fluss bis
1419 zu jenen Hügeln das fruchtbare Tal überschaute und alles um mich her keimen
1420 und quellen sah; wenn ich jene Berge, vom Fusse bis auf zum Gipfel, mit hohen,
1421 dichten Bäumen bekleidet, jene Täler in ihren mannigfaltigen Krümmungen von den
1422 lieblichsten Wäldern beschattet sah, und der sanfte Fluss zwischen den lispelnden Rohren
1423 dahingleitete und die lieben Wolken abspiegelte, die der sanfte Abendwind am Himmel
1424 herüberwiegte; wenn ich dann die Vögel um mich den Wald beleben hörte, und die Millionen
1425 Mückenschwärme im letzten roten Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr letzter
1426 zuckender Blick den summenden Käfer aus seinem Grase befreite, und das Schwirren und
1427 Weben um mich her mich auf den Boden aufmerksam machte, und das Moos, das meinem
1428 harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und das Geniste, das den dürren Sandhügel
1429 hinunter wächst, mir das innere, glühende, heilige Leben der Natur eröffnete: wie
1430 fasste ich das alles in mein warmes Herz, fühlte mich in der überfliessenden Fülle
1431 wie vergöttert, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten
1432 sich allbelebend in meiner Seele. Ungeheure Berge umgaben mich, Abgründe lagen
1433 vor mir, und Wetterbäche stürzten herunter, die Flüsse strömten unter mir, und
1434 Wald und Gebirg erklang; und ich sah sie wirken und schaffen ineinander in den
1435 Tiefen der Erde, alle die unergründlichen Kräfte; und nun über der Erde und unter
1436 dem Himmel wimmeln die Geschlechter der mannigfaltigen Geschöpfe. Alles, alles
1437 bevölkert mit tausendfachen Gestalten; und die Menschen dann sich in Häuslein
1438 zusammen sichern und sich annisten und herrschen in ihrem Sinne über die weite
1439 Welt! Armer Tor! Der du alles so gering achtest, weil du so klein bist.—vom
1440 unzugänglichen Gebirge über die Einöde, die kein Fuss betrat, bis ans Ende des unbekannten
1441 Ozeans weht der Geist des Ewigschaffenden und freut sich jedes Staubes, der ihn
1442 vernimmt und lebt.—ach damals, wie oft habe ich mich mit Fittichen eines Kranichs,
1443 der über mich hin flog, zu dem Ufer des ungemessenen Meeres gesehnt, aus dem
1444 schäumenden Becher des Unendlichen jene schwellende Lebenswonne zu trinken und nur
1445 einen Augenblick in der eingeschränkten Kraft meines Busens einen Tropfen der
1446 Seligkeit des Wesens zu fühlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt.
1447
1448 Bruder, nur die Erinnerung jener Stunden macht mir wohl. Selbst diese Anstrengung,
1449 jene unsäglichen Gelüste zurückzurufen, wieder auszusprechen, hebt meine Seele
1450 über sich selbst und lässt mich dann das Bange des Zustandes doppelt empfinden,
1451 der mich jetzt umgibt.
1452
1453 Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz
1454 des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen
1455 Grabes. Kannst du sagen: Das ist! Da alles vorübergeht? Da alles mit der
1456 Wetterschnelle vorüberrollt, so selten die ganze Kraft seines Daseins ausdauert, ach, in
1457 den Strom fortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird? Da ist
1458 kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her, kein
1459 Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist, sein musst; der harmloseste Spaziergang
1460 kostet tausend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fusstritt die mühseligen
1461 Gebäude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab. Ha!
1462 Nicht die grosse, seltne Not der Welt, diese Fluten, die eure Dörfer wegspülen,
1463 diese Erdbeben, die eure Städte verschlingen, rühren mich; mir untergräbt das
1464 Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt; die
1465 nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sich selbst zerstörte. Und
1466 so taumle ich beängstigt. Himmel und Erde und ihre webenden Kräfte um mich
1467 her: ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes
1468 Ungeheuer.
1469
1470 Am 21. August
1471
1472 Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus, morgens, wenn ich von schweren
1473 Träumen aufdämmere, vergebens suche ich sie nachts in meinem Bette, wenn mich ein
1474 glücklicher, unschuldiger Traum getäuscht hat, als säss' ich neben ihr auf der Wiese und
1475 hielt' ihre Hand und deckte sie mit tausend Küssen. Ach, wenn ich dann noch halb
1476 im Taumel des Schlafes nach ihr tappe und drüber mich ermuntere—ein Strom von
1477 Tränen bricht aus meinem gepressten Herzen, und ich weine trostlos einer finstern
1478 Zukunft entgegen.
1479
1480 Am 22. August
1481
1482 Es ist ein Unglück, Wilhelm, meine tätigen Kräfte sind zu einer unruhigen
1483 Lässigkeit verstimmt, ich kann nicht müssig sein und kann doch auch nichts tun. Ich
1484 habe keine Vorstellungskraft, kein Gefühl an der Natur, und die Bücher ekeln
1485 mich an. Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwöre dir,
1486 manchmal wünschte ich, ein Tagelöhner zu sein, um nur des Morgens beim Erwachen
1487 eine Aussicht auf den künftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben. Oft
1488 beneide ich Alberten, den ich über die Ohren in Akten begraben sehe, und bilde mir
1489 ein, mir wäre wohl, wenn ich an seiner Stelle wäre! Schon etlichemal ist mir's
1490 so aufgefahren, ich wollte dir schreiben und dem Minister, um die Stelle bei
1491 der Gesandtschaft anzuhalten, die, wie du versicherst, mir nicht versagt
1492 werden würde. Ich glaube es selbst. Der Minister liebt mich seit langer Zeit,
1493 hatte lange mir angelegen, ich sollte mich irgendeinem Geschäfte widmen; und
1494 eine Stunde ist mir's auch wohl drum zu tun. Hernach, wenn ich wieder dran
1495 denke und mir die Fabel vom Pferde einfällt, das, seiner Freiheit ungeduldig,
1496 sich Sattel und Zeug auflegen lässt und zuschanden geritten wird—ich weiss nicht,
1497 was ich soll.—und, mein Lieber! Ist nicht vielleicht das Sehnen in mir nach
1498 Veränderung des Zustands eine innere, unbehagliche Ungeduld, die mich überallhin
1499 verfolgen wird?
1500
1501 Am 28. August
1502
1503 Es ist wahr, wenn meine Krankheit zu heilen wäre, so würden diese Menschen es
1504 tun. Heute ist mein Geburtstag, und in aller Frühe empfange ich ein Päckchen
1505 von Alberten. Mir fällt beim Eröffnen sogleich eine der blassroten Schleifen in
1506 die Augen, die Lotte vor hatte, als ich sie kennen lernte, und um die ich sie
1507 seither etlichemal gebeten hatte. Es waren zwei Büchelchen in Duodez dabei, der
1508 kleine Wetsteinische Homer, eine Ausgabe, nach der ich so oft verlangt, um mich
1509 auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen nicht zu schleppen. Sieh! So kommen
1510 sie meinen Wünschen zuvor, so suchen sie alle die kleinen Gefälligkeiten der
1511 Freundschaft auf, die tausendmal werter sind als jene blendenden Geschenke, wodurch uns
1512 die Eitelkeit des Gebers erniedrigt. Ich küsse diese Schleife tausendmal, und
1513 mit jedem Atemzuge schlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mit
1514 denen mich jene wenigen, glücklichen, unwiederbringlichen Tage überfüllten.
1515 Wilhelm, es ist so, und ich murre nicht, die Blüten des Lebens sind nur
1516 Erscheinungen! Wie viele gehn vorüber, ohne eine Spur hinter sich zu lassen, wie wenige
1517 setzen Frucht an, und wie wenige dieser Früchte werden reif! Und doch sind deren
1518 noch genug da; und doch—o mein Bruder!—können wir gereifte Früchte
1519 vernachlässigen, verachten, ungenossen verfaulen lassen?
1520
1521 Lebe wohl! Es ist ein herrlicher Sommer; ich sitze oft auf den Obstbäumen in
1522 Lottens Baumstück mit dem Obstbrecher, der langen Stange, und hole die Birnen aus
1523 dem Gipfel. Sie steht unten und nimmt sie ab, wenn ich sie ihr herunterlasse.
1524
1525 Am 30. August
1526
1527 Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? Betriegst du dich nicht selbst? Was soll diese
1528 tobende, endlose Leidenschaft? Ich habe kein Gebet mehr als an sie; meiner
1529 Einbildungskraft erscheint keine andere Gestalt als die ihrige, und alles in der Welt um
1530 mich her sehe ich nur im Verhältnisse mit ihr. Und das macht mir denn so manche
1531 glückliche Stunde—bis ich mich wieder von ihr losreissen muss! Ach Wilhelm! Wozu mich
1532 mein Herz oft drängt!—wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei, drei Stunden, und
1533 mich an ihrer Gestalt, an ihrem Betragen, an dem himmlischen Ausdruck ihrer
1534 Worte geweidet habe, und nun nach und nach alle meine Sinne aufgespannt werden,
1535 mir es düster vor den Augen wird, ich kaum noch höre, und es mich an die
1536 Gurgel fasst wie ein Meuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlägen den
1537 bedrängten Sinnen Luft zu machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt—Wilhelm, ich
1538 weiss oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und—wenn nicht manchmal die Wehmut das
1539 Übergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt, auf ihrer Hand meine
1540 Beklemmung auszuweinen,—so muss ich fort, muss hinaus, und schweife dann weit im Felde
1541 umher; einen jähen Berg zu klettern ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen
1542 Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen, durch
1543 die Dornen, die mich zerreissen! Da wird mir's etwas besser! Etwas! Und wenn
1544 ich vor Müdigkeit und Durst manchmal unterwegs liegen bleibe, manchmal in der
1545 tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir steht, im einsamen Walde auf einen
1546 krumm gewachsenen Baum mich setze, um meinen verwundeten Sohlen nur einige
1547 Linderung zu verschaffen, und dann in einer ermattenden Ruhe in dem Dämmerschein
1548 hinschlummre! O Wilhelm! Die einsame Wohnung einer Zelle, das härene Gewand und der
1549 Stachelgürtel wären Labsale, nach denen meine Seele schmachtet. Adieu! Ich sehe dieses
1550 Elendes kein Ende als das Grab.
1551
1552 Am 3. September
1553
1554 Ich muss fort! Ich danke dir, Wilhelm, dass du meinen wankenden
1555 Entschluss bestimmt hast. Schon vierzehn Tage gehe ich mit dem
1556 Gedanken um, sie zu verlassen. Ich muss fort. Sie ist wieder in der
1557 Stadt bei einer Freundin. Und Albert—und—ich muss fort!
1558
1559 Am 10. September
1560
1561 Das war eine Nacht! Wilhelm! Nun überstehe ich alles. Ich werde sie nicht
1562 wiedersehn! O dass ich nicht an deinen Hals fliegen, dir mit tausend Tränen und
1563 Entzückungen ausdrücken kann, mein Bester, die Empfindungen, die mein Herz bestürmen.
1564 Hier sitze ich und schnappe nach Luft, suche mich zu beruhigen, erwarte den
1565 Morgen, und mit Sonnenaufgang sind die Pferde bestellt.
1566
1567 Ach, sie schläft ruhig und denkt nicht, dass sie mich nie wieder sehen wird. Ich
1568 habe mich losgerissen, bin stark genug gewesen, in einem Gespräch von zwei
1569 Stunden mein Vorhaben nicht zu verraten. Und Gott, welch ein Gespräch!
1570
1571 Albert hatte mir versprochen, gleich nach dem Nachtessen mit Lotten im Garten zu
1572 sein. Ich stand auf der Terrasse unter den hohen Kastanienbäumen und sah der
1573 Sonne nach, die mir nun zum letztenmale über dem lieblichen Tale, über dem
1574 sanften Fluss unterging. So oft hatte ich hier gestanden mit ihr und eben dem
1575 herrlichen Schauspiele zugesehen, und nun—ich ging in der Allee auf und ab, die mir
1576 so lieb war; ein geheimer sympathetischer Zug hatte mich hier so oft
1577 gehalten, ehe ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als wir im Anfang
1578 unserer Bekanntschaft die wechselseitige Neigung zu diesem Plätzchen entdeckten,
1579 das wahrhaftig eins von den romantischsten ist, die ich von der Kunst
1580 hervorgebracht gesehen habe.
1581
1582 Erst hast du zwischen den Kastanienbäumen die weite Aussicht—Ach, ich erinnere
1583 mich, ich habe dir, denk' ich, schon viel davon geschrieben, wie hohe
1584 Buchenwände einen endlich einschliessen und durch ein daranstossendes Boskett die Allee
1585 immer düsterer wird, bis zuletzt alles sich in ein geschlossenes Plätzchen
1586 endigt, das alle Schauer der Einsamkeit umschweben. Ich fühle es noch, wie
1587 heimlich mir's ward, als ich zum erstenmale an einem hohen Mittage hineintrat; ich
1588 ahnete ganz leise, was für ein Schauplatz das noch werden sollte von Seligkeit
1589 und Schmerz.
1590
1591 Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den schmachtenden, süssen Gedanken des
1592 Abscheidens, des Wiedersehens geweidet, als ich sie die Terrasse heraufsteigen hörte.
1593 Ich lief ihnen entgegen, mit einem Schauer fasste ich ihre Hand und küsste sie.
1594 Wir waren eben heraufgetreten, als der Mond hinter dem buschigen Hügel
1595 aufging; wir redeten mancherlei und kamen unvermerkt dem düstern Kabinette näher.
1596 Lotte trat hinein und setzte sich, Albert neben sie, ich auch; doch meine Unruhe
1597 liess mich nicht lange sitzen; ich stand auf, trat vor sie, ging auf und ab,
1598 setzte mich wieder: es war ein ängstlicher Zustand. Sie machte uns aufmerksam auf
1599 die schöne Wirkung des Mondenlichtes, das am Ende der Buchenwände die ganze
1600 Terrasse vor uns erleuchtete: ein herrlicher Anblick, der um so viel frappanter
1601 war, weil uns rings eine tiefe Dämmerung einschloss. Wir waren still, und sie
1602 fing nach einer Weile an: "niemals gehe ich im Mondenlichte spazieren, niemals,
1603 dass mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete, dass nicht das
1604 Gefühl von Tod, von Zukunft über mich käme". "Wir werden sein!" fuhr sie mit der
1605 Stimme des herrlichsten Gefühls fort; "aber, Werther, sollen wir uns wieder
1606 finden? Wieder erkennen? Was ahnen Sie? Was sagen Sie?"
1607
1608 "Lotte", sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augen voll Tränen
1609 wurden,"wir werden uns wiedersehn! Hier und dort wiedersehn!"—ich konnte nicht weiter
1610 reden—Wilhelm, musste sie mich das fragen, da ich diesen ängstlichen Abschied im Herzen
1611 hatte!
1612
1613 "Und ob die lieben Abgeschiednen von uns wissen", fuhr sie fort, "ob sie
1614 fühlen, wann's uns wohl geht, dass wir mit warmer Liebe uns ihrer erinnern? O! Die
1615 Gestalt meiner Mutter schwebt immer um mich, wenn ich am stillen Abend unter ihren
1616 Kindern, unter meinen Kindern sitze und sie um mich versammelt sind, wie sie um sie
1617 versammelt waren. Wenn ich dann mit einer sehnenden Träne gen Himmel sehe und
1618 wünsche, dass sie hereinschauen könnte einen Augenblick, wie ich mein Wort halte,
1619 das ich ihr in der Stunde des Todes gab: die Mutter ihrer Kinder zu sein. Mit
1620 welcher Empfindung rufe ich aus: 'verzeihe mir's, Teuerste, wenn ich ihnen nicht
1621 bin, was du ihnen warst. Ach! Tue ich doch alles, was ich kann; sind sie doch
1622 gekleidet, genährt, ach, und, was mehr ist als das alles, gepflegt und geliebt.
1623 Könntest du unsere Eintracht sehen, liebe Heilige! Du würdest mit dem heissesten
1624 Danke den Gott verherrlichen, den du mit den letzten, bittersten Tränen um die
1625 Wohlfahrt deiner Kinder batest.'"—Sie sagte das! O Wilhelm, wer kann wiederholen,
1626 was sie sagte! Wie kann der kalte, tote Buchstabe diese himmlische Blüte des
1627 Geistes darstellen! Albert fiel ihr sanft in die Rede: "es greift zu stark an,
1628 liebe Lotte! Ich weiss, Ihre Seele hängt sehr nach diesen Ideen, aber ich bitte
1629 Sie".—"O Albert", sagte sie, "ich weiss, du vergissest nicht die Abende, da wir
1630 zusammensassen an dem kleinen, runden Tischchen, wenn der Papa verreist war, und wir die
1631 Kleinen schlafen geschickt hatten. Du hattest oft ein gutes Buch und kamst so
1632 selten dazu, etwas zu lesen—war der Umgang dieser herrlichen Seele nicht mehr als
1633 alles? Die schöne, sanfte, muntere und immer tätige Frau! Gott kennt meine
1634 Tränen, mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er möchte mich ihr
1635 gleich machen".
1636
1637 "Lotte!" rief ich aus, indem ich mich vor sie hinwarf, ihre Hand nahm und mit
1638 tausend Tränen netzte, "Lotte! Der Segen Gottes ruht über dir und der Geist deiner
1639 Mutter!" "Wenn Sie sie gekannt hätten", sagte sie, indem sie mir die Hand
1640 drückte,—"sie war wert, von Ihnen gekannt zu sein!"—ich glaubte zu vergehen.
1641
1642 Nie war ein grösseres, stolzeres Wort über mich ausgesprochen worden—und sie
1643 fuhr fort:"und diese Frau musste in der Blüte ihrer Jahre dahin, da ihr jüngster
1644 Sohn nicht sechs Monate alt war! Ihre Krankheit dauerte nicht lange; sie war
1645 ruhig, hingegeben, nur ihre Kinder taten ihr weh, besonders das kleine. Wie es
1646 gegen das Ende ging und sie zu mir sagte: 'bringe mir sie herauf!' und wie ich
1647 sie hereinführte, die kleinen, die nicht wussten, und die ältesten, die ohne
1648 Sinne waren, wie sie ums Bette standen, und wie sie die Hände aufhob und über
1649 sie betete, und sie küsste nach einander und sie wegschickte und zu mir sagte:
1650 'sei ihre Mutter!'—Ich gab ihr die Hand drauf!—'Du versprichst viel, meine
1651 Tochter', sagte sie, 'das Herz einer Mutter und das Aug' einer Mutter. Ich habe oft
1652 an deinen dankbaren Tränen gesehen, dass du fühlst, was das sei. Habe es für
1653 deine Geschwister, und für deinen Vater die Treue und den Gehorsam einer Frau.
1654 Du wirst ihn trösten.'—Sie fragte nach ihm, er war ausgegangen, um uns den
1655 unerträglichen Kummer zu verbergen, den er fühlte, der Mann war ganz zerrissen.
1656
1657 Albert, du warst im Zimmer. Sie hörte jemand gehn und fragte und forderte dich zu
1658 sich, und wie sie dich ansah und mich, mit dem getrösteten, ruhigen Blicke, dass
1659 wir glücklich sein, zusammen glücklich sein würden".—Albert fiel ihr um den
1660 Hals und küsste sie und rief: "wir sind es! Wir werden es sein!"—der ruhige
1661 Albert war ganz aus seiner Fassung, und ich wusste nichts von mir selber.
1662 "Werther", fing sie an, "und diese Frau sollte dahin sein! Gott! Wenn ich manchmal
1663 denke, wie man das Liebste seines Lebens wegtragen lässt, und niemand als die
1664 Kinder das so scharf fühlt, die sich noch lange beklagten, die schwarzen Männer
1665 hätten die Mama weggetragen! "sie stand auf, und ich ward erweckt und
1666 erschüttert, blieb sitzen und hielt ihre Hand.—"Wir wollen fort", sagte sie, "es wird
1667 Zeit".—Sie wollte ihre Hand zurückziehen, und ich hielt sie fester.—"wir werden uns
1668 wieder sehen" rief ich, "wir werden uns finden, unter allen Gestalten werden wir
1669 uns erkennen. Ich gehe", fuhr ich fort, "ich gehe willig, und doch, wenn ich
1670 sagen sollte auf ewig, ich würde es nicht aushalten. Leb' wohl, Lotte! Leb'
1671 wohl, Albert! Wir sehn uns wieder".—"Morgen, denke ich", versetzte sie
1672 scherzend.—Ich fühlte das Morgen! Ach, sie wusste nicht, als sie ihre Hand aus der meinen
1673 zog—Sie gingen die Allee hinaus, ich stand, sah ihnen nach im Mondscheine und warf
1674 mich an die Erde und weinte mich aus und sprang auf und lief auf die Terrasse
1675 hervor und sah noch dort unten im Schatten der hohen Lindenbäume ihr weisses Kleid
1676 nach der Gartentür schimmern, ich streckte meine Arme aus, und es verschwand.
1677 EOT;
1678 /*
1679 End of the Project Gutenberg EBook of Die Leiden des jungen Werther--Buch 1, by
1680 Johann Wolfgang von Goethe
1681
1682 *** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER ***
1683
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1838 you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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1840 has agreed to donate royalties under this paragraph to the
1841 Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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1843 prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
1844 returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
1845 sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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1847 the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
1848
1849 - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
1850 you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
1851 does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
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1867 forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
1868 both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
1869 Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
1870 Foundation as set forth in Section 3 below.
1871
1872 1.F.
1873
1874 1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
1875 effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
1876 public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
1877 collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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1910 opportunities to fix the problem.
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1913 in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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1915 WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
1916
1917 1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
1918 warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
1919 If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
1920 law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
1921 interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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1923 provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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1925 1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
1926 trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
1927 providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
1928 with this agreement, and any volunteers associated with the production,
1929 promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
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1931 that arise directly or indirectly from any of the following which you do
1932 or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
1933 work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
1934 Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
1935
1936 Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
1937
1938 Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
1939 electronic works in formats readable by the widest variety of computers
1940 including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
1941 because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
1942 people in all walks of life.
1943
1944 Volunteers and financial support to provide volunteers with the
1945 assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
1946 goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
1947 remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
1948 Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
1949 and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
1950 To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
1951 and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
1952 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
1953
1954
1955 Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
1956 Foundation
1957
1958 The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
1959 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
1960 state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
1961 Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
1962 number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
1963 http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
1964 Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
1965 permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
1966
1967 The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
1968 Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
1969 throughout numerous locations. Its business office is located at
1970 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
1971 business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
1972 information can be found at the Foundation's web site and official
1973 page at http://pglaf.org
1974
1975 For additional contact information:
1976 Dr. Gregory B. Newby
1977 Chief Executive and Director
1978 gbnewby@pglaf.org
1979
1980 Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
1981 Literary Archive Foundation
1982
1983 Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
1984 spread public support and donations to carry out its mission of
1985 increasing the number of public domain and licensed works that can be
1986 freely distributed in machine readable form accessible by the widest
1987 array of equipment including outdated equipment. Many small donations
1988 ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
1989 status with the IRS.
1990
1991 The Foundation is committed to complying with the laws regulating
1992 charities and charitable donations in all 50 states of the United
1993 States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
1994 considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
1995 with these requirements. We do not solicit donations in locations
1996 where we have not received written confirmation of compliance. To
1997 SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
1998 particular state visit http://pglaf.org
1999
2000 While we cannot and do not solicit contributions from states where we
2001 have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
2002 against accepting unsolicited donations from donors in such states who
2003 approach us with offers to donate.
2004
2005 International donations are gratefully accepted, but we cannot make
2006 any statements concerning tax treatment of donations received from
2007 outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
2008
2009 Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
2010 methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
2011 ways including checks, online payments and credit card donations.
2012 To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
2013
2014 Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
2015 works.
2016
2017 Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
2018 concept of a library of electronic works that could be freely shared
2019 with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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