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2037 lines
| 1 | <?php |
| 2 | |
| 3 | namespace Faker\Provider\de_CH; |
| 4 | |
| 5 | class Text extends \Faker\Provider\Text |
| 6 | { |
| 7 | /** |
| 8 | * The Project Gutenberg EBook of Die Leiden des jungen Werther--Buch 1, by |
| 9 | * Johann Wolfgang von Goethe |
| 10 | * |
| 11 | * This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with |
| 12 | * almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or |
| 13 | * re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included |
| 14 | * with this eBook or online at www.gutenberg.org |
| 15 | * |
| 16 | * Title: Die Leiden des jungen Werther--Buch 1 |
| 17 | * |
| 18 | * Author: Johann Wolfgang von Goethe |
| 19 | * |
| 20 | * Posting Date: June 28, 2011 [EBook #2407] |
| 21 | * Release Date: November, 2000 |
| 22 | * |
| 23 | * Language: German |
| 24 | * |
| 25 | * *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER *** |
| 26 | * |
| 27 | * Produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com |
| 28 | * with proofreading and correction by Dr. Mary Cicora, |
| 29 | * mcicora@yahoo.com. |
| 30 | * |
| 31 | * @see http://www.gutenberg.org/cache/epub/2407/pg2407.txt |
| 32 | * @var string |
| 33 | */ |
| 34 | protected static $baseText = <<<'EOT' |
| 35 | Am 4. Mai 1771 |
| 36 | |
| 37 | Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des |
| 38 | Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und |
| 39 | froh zu sein! Ich weiss, du verzeihst mir's. Waren nicht meine übrigen |
| 40 | Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meine zu ängstigen? |
| 41 | Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig. Konnt' ich dafür, dass, während |
| 42 | die eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung |
| 43 | verschafften, dass eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete? Und doch—bin ich |
| 44 | ganz unschuldig? Hab' ich nicht ihre Empfindungen genährt? Hab' ich mich nicht |
| 45 | an den ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns so oft zu lachen machten, so |
| 46 | wenig lächerlich sie waren, selbst ergetzt? Hab' ich nicht—o was ist der Mensch, |
| 47 | dass er über sich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir's, |
| 48 | ich will mich bessern, will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal |
| 49 | vorlegt, wiederkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das Gegenwärtige |
| 50 | geniessen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. Gewiss, du hast recht, Bester, |
| 51 | der Schmerzen wären minder unter den Menschen, wenn sie nicht—Gott weiss, warum |
| 52 | sie so gemacht sind!—mit so viel Emsigkeit der Einbildungskraft sich |
| 53 | beschäftigten, die Erinnerungen des vergangenen Übels zurückzurufen, eher als eine |
| 54 | gleichgültige Gegenwart zu ertragen. |
| 55 | |
| 56 | Du bist so gut, meiner Mutter zu sagen, dass ich ihr Geschäft bestens |
| 57 | betreiben und ihr ehstens Nachricht davon geben werde. Ich habe meine Tante |
| 58 | gesprochen und bei weitem das böse Weib nicht gefunden, das man bei uns aus ihr |
| 59 | macht. Sie ist eine muntere, heftige Frau von dem besten Herzen. Ich erklärte ihr |
| 60 | meiner Mutter Beschwerden über den zurückgehaltenen Erbschaftsanteil; sie sagte |
| 61 | mir ihre Gründe, Ursachen und die Bedingungen, unter welchen sie bereit wäre, |
| 62 | alles herauszugeben, und mehr als wir verlangten—kurz, ich mag jetzt nichts |
| 63 | davon schreiben, sage meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Und ich habe, |
| 64 | mein Lieber, wieder bei diesem kleinen Geschäft gefunden, dass Missverständnisse |
| 65 | und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als List und Bosheit. |
| 66 | Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltener. |
| 67 | |
| 68 | Übrigens befinde ich mich hier gar wohl. Die Einsamkeit ist meinem Herzen |
| 69 | köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend |
| 70 | wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz. Jeder Baum, jede Hecke ist ein |
| 71 | Strauss von Blüten, und man möchte zum Maienkäfer werden, um in dem Meer von |
| 72 | Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können. |
| 73 | |
| 74 | Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche |
| 75 | Schönheit der Natur. Das bewog den verstorbenen Grafen von M., einen Garten auf |
| 76 | einem der Hügel anzulegen, die mit der schönsten Mannigfaltigkeit sich kreuzen |
| 77 | und die lieblichsten Täler bilden. Der Garten ist einfach, und man fühlt |
| 78 | gleich bei dem Eintritte, dass nicht ein wissenschaftlicher Gärtner, sondern ein |
| 79 | fühlendes Herz den Plan gezeichnet, das seiner selbst hier geniessen wollte. Schon |
| 80 | manche Träne hab' ich dem Abgeschiedenen in dem verfallenen Kabinettchen geweint, |
| 81 | das sein Lieblingsplätzchen war und auch meines ist. Bald werde ich Herr vom |
| 82 | Garten sein; der Gärtner ist mir zugetan, nur seit den paar Tagen, und er wird |
| 83 | sich nicht übel dabei befinden. |
| 84 | |
| 85 | Am 10. Mai |
| 86 | |
| 87 | Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süssen |
| 88 | Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen geniesse. Ich bin allein und freue mich meines |
| 89 | Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich |
| 90 | bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein |
| 91 | versunken, dass meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht |
| 92 | einen Strich, und bin nie ein grösserer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. |
| 93 | Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der |
| 94 | undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das |
| 95 | innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und |
| 96 | näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich |
| 97 | das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen |
| 98 | Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die |
| 99 | Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des |
| 100 | Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! Wenn's |
| 101 | dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in |
| 102 | meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten—dann sehne ich mich oft und |
| 103 | denke : ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das |
| 104 | einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, |
| 105 | wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes!—mein Freund—aber ich |
| 106 | gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser |
| 107 | Erscheinungen. |
| 108 | |
| 109 | Ich weiss nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die |
| 110 | warme, himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so |
| 111 | paradiesisch macht. Das ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich |
| 112 | gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern.—Du gehst einen kleinen Hügel |
| 113 | hinunter und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo |
| 114 | unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben |
| 115 | umher die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken, |
| 116 | die Kühle des Orts; das hat alles so was Anzügliches, was Schauerliches. Es |
| 117 | vergeht kein Tag, dass ich nicht eine Stunde da sitze. Da kommen die Mädchen aus |
| 118 | der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft und das nötigste, das |
| 119 | ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die |
| 120 | patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle die Altväter, am Brunnen |
| 121 | Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohltätige Geister |
| 122 | schweben. O der muss nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens |
| 123 | Kühle gelabt haben, der das nicht mitempfinden kann. |
| 124 | |
| 125 | Am 13. Mai |
| 126 | |
| 127 | Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst?—lieber, ich bitte dich um |
| 128 | Gottes willen, lass mir sie vom Halse! Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, |
| 129 | angefeuert sein, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst; ich brauche |
| 130 | Wiegengesang, und den habe ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer. Wie oft lull' |
| 131 | ich mein empörtes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du nichts |
| 132 | gesehn als dieses Herz. Lieber! Brauch' ich dir das zu sagen, der du so oft die |
| 133 | Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süsser Melancholie |
| 134 | zur verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehn? Auch halte ich mein Herzchen |
| 135 | wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm gestattet. Sage das nicht weiter; |
| 136 | es gibt Leute, die mir es verübeln würden. |
| 137 | |
| 138 | Am 15. Mai |
| 139 | |
| 140 | Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich, besonders die |
| 141 | Kinder. Eine traurige Bemerkung hab' ich gemacht. Wie ich im Anfange mich zu ihnen |
| 142 | gesellte, sie freundschaftlich fragte über dies und das, glaubten einige, ich wollte |
| 143 | ihrer spotten, und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich liess mich das nicht |
| 144 | verdriessen; nur fühlte ich, was ich schon oft bemerkt habe, auf das lebhafteste : |
| 145 | Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen |
| 146 | Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren; und dann gibt's |
| 147 | Flüchtlinge und üble Spassvögel, die sich herabzulassen scheinen, um ihren Übermut dem |
| 148 | armen Volke desto empfindlicher zu machen. |
| 149 | |
| 150 | Ich weiss wohl, dass wir nicht gleich sind, noch sein können; aber ich halte |
| 151 | dafür, dass der, der nötig zu haben glaubt, vom so genannten Pöbel sich zu |
| 152 | entfernen, um den Respekt zu erhalten, ebenso tadelhaft ist als ein Feiger, der sich |
| 153 | vor seinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen fürchtet. |
| 154 | |
| 155 | Letzthin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmädchen, das ihr Gefäss auf |
| 156 | die unterste Treppe gesetzt hatte und sich umsah, ob keine Kamerädin kommen |
| 157 | wollte, ihr es auf den Kopf zu helfen. Ich stieg hinunter und sah sie an.—"Soll |
| 158 | ich Ihr helfen, Jungfer?" sagte ich.—sie ward rot über und über.—"O nein, |
| 159 | Herr!" sagte sie.—"Ohne Umstände".—sie legte ihren Kragen zurecht, und ich half |
| 160 | ihr. Sie dankte und stieg hinauf. |
| 161 | |
| 162 | Den 17. Mai |
| 163 | |
| 164 | Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine |
| 165 | gefunden. Ich weiss nicht, was ich Anzügliches für die Menschen haben muss; es mögen |
| 166 | mich ihrer so viele und hängen sich an mich, und da tut mir's weh, wenn unser |
| 167 | Weg nur eine kleine Strecke miteinander geht. Wenn du fragst, wie die Leute |
| 168 | hier sind, muss ich dir sagen: wie überall! Es ist ein einförmiges Ding um das |
| 169 | Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den grössten Teil der Zeit, um zu leben, und das |
| 170 | bisschen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel |
| 171 | aufsuchen, um es los zu werden. O Bestimmung des Menschen! |
| 172 | |
| 173 | Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manchmal vergesse, manchmal mit |
| 174 | ihnen die Freuden geniesse, die den Menschen noch gewährt sind, an einem artig |
| 175 | besetzten Tisch mit aller Offen—und Treuherzigkeit sich herumzuspassen, eine |
| 176 | Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit anzuordnen, und dergleichen, das tut eine ganz |
| 177 | gute Wirkung auf mich; nur muss mir nicht einfallen, dass noch so viele andere |
| 178 | Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern und die ich sorgfältig |
| 179 | verbergen muss. Ach das engt das ganze Herz so ein.—Und doch! Missverstanden zu |
| 180 | werden, ist das Schicksal von unsereinem. |
| 181 | |
| 182 | Ach, dass die Freundin meiner Jugend dahin ist, ach, dass ich sie je gekannt |
| 183 | habe!—ich würde sagen: du bist ein Tor! Du suchst, was hienieden nicht zu finden |
| 184 | ist! Aber ich habe sie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die grosse Seele, in |
| 185 | deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein, als ich war, weil ich alles war, |
| 186 | was ich sein konnte. Guter Gott! Blieb da eine einzige Kraft meiner Seele |
| 187 | ungenutzt? Konnt' ich nicht vor ihr das ganze wunderbare Gefühl entwickeln, mit dem |
| 188 | mein Herz die Natur umfasst? War unser Umgang nicht ein ewiges Weben von der |
| 189 | feinsten Empfindung, dem schärfsten Witze, dessen Modifikationen, bis zur Unart, |
| 190 | alle mit dem Stempel des Genies bezeichnet waren? Und nun!—ach ihre Jahre, die |
| 191 | sie voraus hatte, führten sie früher ans Grab als mich. Nie werde ich sie |
| 192 | vergessen, nie ihren festen Sinn und ihre göttliche Duldung. |
| 193 | |
| 194 | Vor wenig Tagen traf ich einen jungen V. an, einen offnen Jungen, mit einer |
| 195 | gar glücklichen Gesichtsbildung. Er kommt erst von Akademien dünkt sich eben |
| 196 | nicht weise, aber glaubt doch, er wisse mehr als andere. Auch war er fleissig, |
| 197 | wie ich an allerlei spüre, kurz, er hat hübsche Kenntnisse. Da er hörte, dass |
| 198 | ich viel zeichnete und Griechisch könnte (zwei Meteore hierzulande), wandte er |
| 199 | sich an mich und kramte viel Wissens aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles |
| 200 | zu Winckelmann, und versicherte mich, er habe Sulzers Theorie, den ersten |
| 201 | Teil, ganz durchgelesen und besitze ein Manuskript von Heynen über das Studium |
| 202 | der Antike. Ich liess das gut sein. |
| 203 | |
| 204 | Noch gar einen braven Mann habe ich kennen lernen, den fürstlichen Amtmann, |
| 205 | einen offenen, treuherzigen Menschen. Man sagt, es soll eine Seelenfreude sein, |
| 206 | ihn unter seinen Kindern zu sehen, deren er neun hat; besonders macht man viel |
| 207 | Wesens von seiner ältesten Tochter. Er hat mich zu sich gebeten, und ich will ihn |
| 208 | ehster Tage besuchen. Er wohnt auf einem fürstlichen Jagdhofe, anderthalb Stunden |
| 209 | von hier, wohin er nach dem Tode seiner Frau zu ziehen die Erlaubnis erhielt, |
| 210 | da ihm der Aufenthalt hier in der Stadt und im Amthause zu weh tat. |
| 211 | |
| 212 | Sonst sind mir einige verzerrte Originale in den Weg gelaufen, an denen alles |
| 213 | unausstehlich ist, am unerträglichsten Freundschaftsbezeigungen. |
| 214 | |
| 215 | Leb' wohl! Der Brief wird dir recht sein, er ist ganz historisch. |
| 216 | |
| 217 | Am 22. Mai |
| 218 | |
| 219 | Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so |
| 220 | vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wenn ich die |
| 221 | Einschränkung ansehe, in welcher die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen |
| 222 | eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die |
| 223 | Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere |
| 224 | arme Existenz zu verlängern, und dann, dass alle Beruhigung über gewisse Punkte |
| 225 | des Nachforschens nur eine träumende Regignation ist, da man sich die Wände, |
| 226 | zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten |
| 227 | bemalt—das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück, und |
| 228 | finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung und |
| 229 | lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle dann so |
| 230 | träumend weiter in die Welt. |
| 231 | |
| 232 | Dass die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgelahrten |
| 233 | Schul—und Hofmeister einig; dass aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem |
| 234 | Erdboden herumtaumeln und wie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie |
| 235 | gehen, ebensowenig nach wahren Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen |
| 236 | und Birkenreiser regiert werden: das will niemand gern glauben, und mich |
| 237 | dünkt, man kann es mit Händen greifen. |
| 238 | |
| 239 | Ich gestehe dir gern, denn ich weiss, was du mir hierauf sagen möchtest, dass |
| 240 | diejenigen die Glücklichsten sind, die gleich den Kindern in den Tag hinein leben, |
| 241 | ihre Puppen herumschleppen, aus—und anziehen und mit grossem Respekt um die |
| 242 | Schublade umherschleichen, wo Mama das Zuckerbrot hineingeschlossen hat, und, wenn |
| 243 | sie das gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzehren und |
| 244 | rufen:"mehr!"—das sind glückliche Geschöpfe. Auch denen ist's wohl, die ihren |
| 245 | Lumpenbeschäftigungen oder wohl gar ihren Leidenschaften prächtige Titel geben und sie dem |
| 246 | Menschengeschlechte als Riesenoperationen zu dessen Heil und Wohlfahrt anschreiben.—Wohl dem, |
| 247 | der so sein kann! Wer aber in seiner Demut erkennt, wo das alles hinausläuft, |
| 248 | wer da sieht, wie artig jeder Bürger, dem es wohl ist, sein Gärtchen zum |
| 249 | Paradiese zuzustutzen weiss, und wie unverdrossen auch der Unglückliche unter der |
| 250 | Bürde seinen Weg fortkeucht, und alle gleich interessiert sind, das Licht dieser |
| 251 | Sonne noch eine Minute länger zu sehn—ja, der ist still und bildet auch seine |
| 252 | Welt aus sich selbst und ist auch glücklich, weil er ein Mensch ist. Und dann, |
| 253 | so eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das süsse Gefühl der |
| 254 | Freiheit, und dass er diesen Kerker verlassen kann, wann er will. |
| 255 | |
| 256 | Am 26. Mai |
| 257 | |
| 258 | Du kennst von alters her meine Art, mich anzubauen, mir irgend an einem |
| 259 | vertraulichen Orte ein Hüttchen aufzuschlagen und da mit aller Einschränkung zu |
| 260 | herbergen. Auch hier habe ich wieder ein Plätzchen angetroffen, das mich angezogen |
| 261 | hat. |
| 262 | |
| 263 | Ungefähr eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort, den sie Wahlheim nennen. Die Lage |
| 264 | an einem Hügel ist sehr interessant, und wenn man oben auf dem Fusspfade zum |
| 265 | Dorf herausgeht, übersieht man auf einmal das ganze Tal. Eine gute Wirtin, die |
| 266 | gefällig und munter in ihrem Alter ist, schenkt Wein, Bier, Kaffee; und was über |
| 267 | alles geht, sind zwei Linden, die mit ihren ausgebreiteten Ästen den kleinen |
| 268 | Platz vor der Kirche bedecken, der ringsum mit Bauerhäusern, Scheunen und Höfen |
| 269 | eingeschlossen ist. So vertraulich, so heimlich hab' ich nicht leicht ein Plätzchen |
| 270 | gefunden, und dahin lass' ich mein Tischchen aus dem Wirtshause bringen und meinen |
| 271 | Stuhl, trinke meinen Kaffee da und lese meinen Homer. Das erstenmal, als ich |
| 272 | durch einen Zufall an einem schönen Nachmittage unter die Linden kam, fand ich |
| 273 | das Plätzchen so einsam. Es war alles im Felde; nur ein Knabe von ungefähr |
| 274 | vier Jahren sass an der Erde und hielt ein anderes, etwa halbjähriges, vor ihm |
| 275 | zwischen seinen Füssen sitzendes Kind mit beiden Armen wider seine Brust, so dass er |
| 276 | ihm zu einer Art von Sessel diente und ungeachtet der Munterkeit, womit er aus |
| 277 | seinen schwarzen Augen herumschaute, ganz ruhig sass. Mich vergnügte der Anblick: |
| 278 | ich setzte mich auf einen Pflug, der gegenüber stand, und zeichnete die |
| 279 | brüderliche Stellung mit vielem Ergetzen. Ich fügte den nächsten Zaun, ein Scheunentor |
| 280 | und einige gebrochene Wagenräder bei, alles, wie es hinter einander stand, und |
| 281 | fand nach Verlauf einer Stunde, dass ich eine wohlgeordnete, sehr interessante |
| 282 | Zeichnung verfertigt hatte, ohne das mindeste von dem Meinen hinzuzutun. Das |
| 283 | bestärkte mich in meinem Vorsatze, mich künftig allein an die Natur zu halten. Sie |
| 284 | allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den grossen Künstler. Man kann |
| 285 | zum Vorteile der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen |
| 286 | Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas |
| 287 | Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, der sich durch Gesetze und |
| 288 | Wohlstand modeln lässt, nie ein unerträglicher Nachbar, nie ein merkwürdiger |
| 289 | Bösewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, |
| 290 | das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören! Sag' |
| 291 | du: 'das ist zu hart! Sie schränkt nur ein, beschneidet die geilen Reben' |
| 292 | etc.—guter Freund, soll ich dir ein Gleichnis geben? Es ist damit wie mit der Liebe. |
| 293 | Ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alle Stunden seines Tages |
| 294 | bei ihr zu, verschwendet alle seine Kräfte, all sein Vermögen, um ihr jeden |
| 295 | Augenblick auszudrücken, dass er sich ganz ihr hingibt. Und da käme ein Philister, ein |
| 296 | Mann, der in einem öffentlichen Amte steht, und sagte zu ihm: 'feiner junger |
| 297 | Herr! Lieben ist menschlich, nur müsst Ihr menschlich lieben! Teilet Eure Stunden |
| 298 | ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungsstunden widmet Eurem Mädchen. |
| 299 | Berechnet Euer Vermögen, und was Euch von Eurer Notdurft übrig bleibt, davon |
| 300 | verwehr' ich Euch nicht, ihr ein Geschenk, nur nicht zu oft, zu machen, etwa zu |
| 301 | ihrem Geburts—und Namenstage ' etc.—folgt der Mensch, so gibt's einen |
| 302 | brauchbaren jungen Menschen, und ich will selbst jedem Fürsten raten, ihn in ein |
| 303 | Kollegium zu setzen; nur mit seiner Liebe ist's am Ende und, wenn er ein Künstler |
| 304 | ist, mit seiner Kunst. O meine Freunde! Warum der Strom des Genies so selten |
| 305 | ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust und eure staunende Seele |
| 306 | erschüttert?—liebe Freunde, da wohnen die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers, |
| 307 | denen ihre Gartenhäuschen, Tulpenbeete und Krautfelder zugrunde gehen würden, |
| 308 | die daher in Zeiten mit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr |
| 309 | abzuwehren wissen. |
| 310 | |
| 311 | Am 27. Mai |
| 312 | |
| 313 | Ich bin, wie ich sehe, in Verzückung, Gleichnisse und Deklamation verfallen |
| 314 | und habe darüber vergessen, dir auszuerzählen, was mit den Kindern weiter |
| 315 | geworden ist. Ich sass, ganz in malerische Empfindung vertieft, die dir mein |
| 316 | gestriges Blatt sehr zerstückt darlegt, auf meinem Pfluge wohl zwei Stunden. Da |
| 317 | kommt gegen Abend eine junge Frau auf die Kinder los, die sich indes nicht |
| 318 | gerührt hatten, mit einem Körbchen am Arm und ruft von weitem: "Philipps, du bist |
| 319 | recht brav". —Sie grüsste mich, ich dankte ihr, stand auf, trat näher hin und |
| 320 | fragte sie, ob sie Mutter von den Kindern wäre? Sie bejahte es, und indem sie dem |
| 321 | ältesten einen halben Weck gab, nahm sie das kleine auf und küsste es mit aller |
| 322 | mütterlichen Liebe.—"ich habe", sagte sie, "meinem Philipps das Kleine zu halten |
| 323 | gegeben und bin mit meinem Ältesten in die Stadt gegangen, um weiss Brot zu holen |
| 324 | und Zucker und ein irden Breipfännchen".—Ich sah das alles in dem Korbe, |
| 325 | dessen Deckel abgefallen war.—"Ich will meinem Hans (das war der Name des |
| 326 | Jüngsten) ein Süppchen kochen zum Abende; der lose Vogel, der Grosse, hat mir gestern |
| 327 | das Pfännchen zerbrochen, als er sich mit Philippsen um die Scharre des Breis |
| 328 | zankte".—ich fragte nach dem Ältesten, und sie hatte mir kaum gesagt, dass er sich auf |
| 329 | der Wiese mit ein paar Gänsen herumjage, als er gesprungen kam und dem Zweiten |
| 330 | eine Haselgerte mitbrachte. Ich unterhielt mich weiter mit dem Weibe und |
| 331 | erfuhr, dass sie des Schulmeisters Tochter sei, und dass ihr Mann eine Reise in die |
| 332 | Schweiz gemacht habe, um die Erbschaft eines Vetters zu holen.—"Sie haben ihn drum |
| 333 | betriegen wollen", sagte sie,"und ihm auf seine Briefe nicht geantwortet; da ist er |
| 334 | selbst hineingegangen. Wenn ihm nur kein Unglück widerfahren ist, ich höre nichts |
| 335 | von ihm".—Es ward mir schwer, mich von dem Weibe los zu machen, gab jedem der |
| 336 | Kinder einen Kreuzer, und auch fürs jüngste gab ich ihr einen, ihm einen Weck zur |
| 337 | Suppe mitzubringen, wenn sie in die Stadt ginge, und so schieden wir von |
| 338 | einander. |
| 339 | |
| 340 | Ich sage dir, mein Schatz, wenn meine Sinne gar nicht mehr halten wollen, so |
| 341 | lindert all den Tumult der Anblick eines solchen Geschöpfs, das in glücklicher |
| 342 | Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht, von einem Tage zum andern sich |
| 343 | durchhilft, die Blätter abfallen sieht und nichts dabei denkt, als dass der Winter |
| 344 | kommt. |
| 345 | |
| 346 | Seit der Zeit bin ich oft draussen. Die Kinder sind ganz an mich gewöhnt, sie |
| 347 | kriegen Zucker, wenn ich Kaffee trinke, und teilen das Butterbrot und die saure |
| 348 | Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie, und wenn ich |
| 349 | nicht nach der Betstunde da bin, so hat die Wirtin Ordre, ihn auszuzahlen. |
| 350 | |
| 351 | Sie sind vertraut, erzählen mir allerhand, und besonders ergetze ich mich an |
| 352 | ihren Leidenschaften und simpeln Ausbrüchen des Begehrens, wenn mehr Kinder aus |
| 353 | dem Dorfe sich versammeln. |
| 354 | |
| 355 | Viele Mühe hat mich's gekostet, der Mutter ihre Besorgnis zu nehmen, sie möchten |
| 356 | den Herrn inkommodieren. |
| 357 | |
| 358 | Am 30. Mai |
| 359 | |
| 360 | Was ich dir neulich von der Malerei sagte, gilt gewiss auch von der Dichtkunst; |
| 361 | es ist nur, dass man das Vortreffliche erkenne und es auszusprechen wage, und |
| 362 | das ist freilich mit wenigem viel gesagt. Ich habe heute eine Szene gehabt, |
| 363 | die, rein abgeschrieben, die schönste Idylle von der Welt gäbe; doch was soll |
| 364 | Dichtung, Szene und Idylle? Muss es denn immer gebosselt sein, wenn wir teil an einer |
| 365 | Naturerscheinung nehmen sollen? |
| 366 | |
| 367 | Wenn du auf diesen Eingang viel Hohes und Vornehmes erwartest, so bist du |
| 368 | wieder übel betrogen; es ist nichts als ein Bauerbursch, der mich zu dieser |
| 369 | lebhaften Teilnehmung hingerissen hat. Ich werde, wie gewöhnlich, schlecht erzählen, |
| 370 | und du wirst mich, wie gewöhnlich, denk' ich, übertrieben finden; es ist |
| 371 | wieder Wahlheim, und immer Wahlheim, das diese Seltenheiten hervorbringt. |
| 372 | |
| 373 | Es war eine Gesellschaft draussen unter den Linden, Kaffee zu trinken. Weil |
| 374 | sie mir nicht ganz anstand, so blieb ich unter einem Vorwande zurück. |
| 375 | |
| 376 | Ein Bauerbursch kam aus einem benachbarten Hause und beschäftigte sich, an dem |
| 377 | Pfluge, den ich neulich gezeichnet hatte, etwas zurecht zu machen. Da mir sein |
| 378 | Wesen gefiel, redete ich ihn an, fragte nach seinen Umständen, wir waren bald |
| 379 | bekannt und, wie mir's gewöhnlich mit dieser Art Leuten geht, bald vertraut. Er |
| 380 | erzählte mir, dass er bei einer Witwe in Diensten sei und von ihr gar wohl gehalten |
| 381 | werde. Er sprach so vieles von ihr und lobte sie dergestalt, dass ich bald merken |
| 382 | konnte, er sei ihr mit Leib und Seele zugetan. Sie sei nicht mehr jung, sagte er, |
| 383 | sie sei von ihrem ersten Mann übel gehalten worden, wolle nicht mehr heiraten, |
| 384 | und aus seiner Erzählung leuchtete so merklich hervor, wie schön, wie reizend |
| 385 | sie für ihn sei, wie sehr er wünschte, dass sie ihn wählen möchte, um das |
| 386 | Andenken der Fehler ihres ersten Mannes auszulöschen, dass ich Wort für Wort |
| 387 | wiederholen müsste, um dir die reine Neigung, die Liebe und Treue dieses Menschen |
| 388 | anschaulich zu machen. Ja, ich müsste die Gabe des grössten Dichters besitzen, um dir |
| 389 | zugleich den Ausdruck seiner Gebärden, die Harmonie seiner Stimme, das heimliche |
| 390 | Feuer seiner Blicke lebendig darstellen zu können. Nein, es sprechen keine Worte |
| 391 | die Zartheit aus, die in seinem ganzen Wesen und Ausdruck war; es ist alles |
| 392 | nur plump, was ich wieder vorbringen könnte. Besonders rührte mich, wie er |
| 393 | fürchtete, ich möchte über sein Verhältnis zu ihr ungleich denken und an ihrer guten |
| 394 | Aufführung zweifeln. Wie reizend es war, wenn er von ihrer Gestalt, von ihrem Körper |
| 395 | sprach, der ihn ohne jugendliche Reize gewaltsam an sich zog und fesselte, kann |
| 396 | ich mir nur in meiner innersten Seele wiederholen. Ich hab' in meinem Leben |
| 397 | die dringende Begierde und das heisse, sehnliche Verlangen nicht in dieser |
| 398 | Reinheit gesehen, ja wohl kann ich sagen, in dieser Reinheit nicht gedacht und |
| 399 | geträumt. Schelte mich nicht, wenn ich dir sage, dass bei der Erinnerung dieser |
| 400 | Unschuld und Wahrheit mir die innerste Seele glüht, und dass mich das Bild dieser |
| 401 | Treue und Zärtlichkeit überall verfolgt, und dass ich, wie selbst davon |
| 402 | entzündet, lechze und schmachte. |
| 403 | |
| 404 | Ich will nun suchen, auch sie ehstens zu sehn, oder vielmehr, wenn ich's recht |
| 405 | bedenke, ich will's vermeiden. Es ist besser, ich sehe sie durch die Augen ihres |
| 406 | Liebhabers; vielleicht erscheint sie mir vor meinen eigenen Augen nicht so, wie sie |
| 407 | jetzt vor mir steht, und warum soll ich mir das schöne Bild verderben? |
| 408 | |
| 409 | Am 16. Junius |
| 410 | |
| 411 | Warum ich dir nicht schreibe?—Fragst du das und bist doch auch der Gelehrten |
| 412 | einer. Du solltest raten, dass ich mich wohl befinde, und zwar—kurz und gut, ich |
| 413 | habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe—ich weiss |
| 414 | nicht. |
| 415 | |
| 416 | Dir in der Ordnung zu erzählen, wie's zugegangen ist, dass ich eins der |
| 417 | liebenswürdigsten Geschöpfe habe kennen lernen, wird schwer halten. Ich bin vergnügt und |
| 418 | glücklich, und also kein guter Historienschreiber. |
| 419 | |
| 420 | Einen Engel!—pfui! Das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Und doch bin ich |
| 421 | nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist, warum sie vollkommen ist; |
| 422 | genug, sie hat allen meinen Sinn gefangengenommen. |
| 423 | |
| 424 | So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Güte bei so viel Festigkeit, |
| 425 | und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und der Tätigkeit.—Das ist alles |
| 426 | garstiges Gewäsch, was ich da von ihr sage, leidige Abstraktionen, die nicht einen |
| 427 | Zug ihres Selbst ausdrücken. Ein andermal—nein, nicht ein andermal, jetzt |
| 428 | gleich will ich dir's erzählen. Tu' ich 's jetzt nicht, so geschäh' es niemals. |
| 429 | Denn, unter uns, seit ich angefangen habe zu schreiben, war ich schon dreimal im |
| 430 | Begriffe, die Feder niederzulegen, mein Pferd satteln zu lassen und hinauszureiten. |
| 431 | Und doch schwur ich mir heute früh, nicht hinauszureiten, und gehe doch alle |
| 432 | Augenblick' ans Fenster, zu sehen, wie hoch die Sonne noch steht.—Ich hab's nicht |
| 433 | überwinden können, ich musste zu ihr hinaus. Da bin ich wieder, Wilhelm, will mein |
| 434 | Butterbrot zu Nacht essen und dir schreiben. Welch eine Wonne das für meine Seele |
| 435 | ist, sie in dem Kreise der lieben, muntern Kinder, ihrer acht Geschwister, zu |
| 436 | sehen!—Wenn ich so fortfahre, wirst du am Ende so klug sein wie am Anfange. Höre denn, |
| 437 | ich will mich zwingen, ins Detail zu gehen. |
| 438 | |
| 439 | Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S. habe kennen lernen, und wie er |
| 440 | mich gebeten habe, ihn bald in seiner Einsiedelei oder vielmehr seinem kleinen |
| 441 | Königreiche zu besuchen. Ich vernachlässigte das, und wäre vielleicht nie hingekommen, |
| 442 | hätte mir der Zufall nicht den Schatz entdeckt, der in der stillen Gegend |
| 443 | verborgen liegt. |
| 444 | |
| 445 | Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt, zu dem ich mich |
| 446 | denn auch willig finden liess. Ich bot einem hiesigen guten, schönen, übrigens |
| 447 | unbedeutenden Mädchen die Hand, und es wurde ausgemacht, dass ich eine Kutsche nehmen, |
| 448 | mit meiner Tänzerin und ihrer Base nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren |
| 449 | und auf dem Wege Charlotten S. mitnehmen sollte.—"Sie werden ein schönes |
| 450 | Frauenzimmer kennenlernen", sagte meine Gesellschafterin, da wir durch den weiten, |
| 451 | ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren.—"Nehmen Sie sich in acht", versetzte die |
| 452 | Base, "dass Sie sich nicht verlieben!"—"Wieso?" sagte ich.—"Sie ist schon |
| 453 | vergeben,"antwortete jene,"an einen sehr braven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in |
| 454 | Ordnung zu bringen, weil sein Vater gestorben ist, und sich um eine ansehnliche |
| 455 | Versorgung zu bewerben".—Die Nachricht war mir ziemlich gleichgültig. |
| 456 | |
| 457 | Die Sonne war noch eine Viertelstunde vom Gebirge, als wir vor dem Hoftore |
| 458 | anfuhren. Es war sehr schwül, und die Frauenzimmer äusserten ihre Besorgnis wegen |
| 459 | eines Gewitters, das sich in weissgrauen, dumpfichten Wölkchen rings am Horizonte |
| 460 | zusammenzuziehen schien. Ich täuschte ihre Furcht mit anmasslicher Wetterkunde, ob mir |
| 461 | gleich selbst zu ahnen anfing, unsere Lustbarkeit werde einen Stoss leiden. |
| 462 | |
| 463 | Ich war ausgestiegen, und eine Magd, die ans Tor kam, bat uns, einen |
| 464 | Augenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen würde gleich kommen. Ich ging durch den Hof |
| 465 | nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die vorliegenden Treppen |
| 466 | hinaufgestiegen war und in die Tür trat, fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, |
| 467 | das ich je gesehen habe. in dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu |
| 468 | zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Grösse, die ein |
| 469 | simples weisses Kleid, mit blassroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hielt |
| 470 | ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stück nach |
| 471 | Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit solcher Freundlichkeit, und |
| 472 | jedes rief so ungekünstelt sein "danke!", indem es mit den kleinen Händchen |
| 473 | lange in die Höhe gereicht hatte, ehe es noch abgeschnitten war, und nun mit |
| 474 | seinem Abendbrote vergnügt entweder wegsprang, oder nach seinem stillern |
| 475 | Charakter gelassen davonging nach dem Hoftore zu, um die Fremden und die Kutsche zu |
| 476 | sehen, darin ihre Lotte wegfahren sollte.—"Ich bitte um Vergebung", sagte sie, |
| 477 | "dass ich Sie hereinbemühe und die Frauenzimmer warten lasse. Über dem Anziehen |
| 478 | und allerlei Bestellungen fürs Haus in meiner Abwesenheit habe ich vergessen, |
| 479 | meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben, und sie wollen von niemanden Brot |
| 480 | geschnitten haben als von mir". |
| 481 | |
| 482 | Ich machte ihr ein unbedeutendes Kompliment, meine ganze Seele ruhte auf der |
| 483 | Gestalt, dem Tone, dem Betragen, und ich hatte eben Zeit, mich von der Überraschung |
| 484 | zu erholen, als sie in die Stube lief, ihre Handschuhe und den Fächer zu |
| 485 | holen. Die Kleinen sahen mich in einiger Entfernung so von der Seite an, und ich |
| 486 | ging auf das jüngste los, das ein Kind von der glücklichsten Gesichtsbildung |
| 487 | war. Es zog sich zurück, als eben Lotte zur Türe herauskam und sagte:"Louis, |
| 488 | gib dem Herrn Vetter eine Hand".—das tat der Knabe sehr freimütig, und ich |
| 489 | konnte mich nicht enthalten, ihn, ungeachtet seines kleinen Rotznäschens, |
| 490 | herzlich zu küssen. |
| 491 | |
| 492 | "Vetter?" sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte," glauben Sie, dass ich des |
| 493 | Glücks wert sei, mit Ihnen verwandt zu sein?"—"O", sagte sie mit einem |
| 494 | leichtfertigen Lächeln, "unsere Vetterschaft ist sehr weitläufig, und es wäre mir leid, |
| 495 | wenn Sie der schlimmste drunter sein sollten".—Im Gehen gab sie Sophien, der |
| 496 | ältesten Schwester nach ihr, einem Mädchen von ungefähr elf Jahren, den Auftrag, |
| 497 | wohl auf die Kinder acht zu haben und den Papa zu grüssen, wenn er vom |
| 498 | Spazierritte nach Hause käme. Den Kleinen sagte sie, sie sollten ihrer Schwester Sophie |
| 499 | folgen, als wenn sie's selber wäre, das denn auch einige ausdrücklich versprachen. |
| 500 | Eine kleine, naseweise Blondine aber, von ungefähr sechs Jahren, sagte: "du |
| 501 | bist's doch nicht, Lottchen, wir haben dich doch lieber".—die zwei ältesten |
| 502 | Knaben waren hinten auf die Kutsche geklettert, und auf mein Vorbitten erlaubte |
| 503 | sie ihnen, bis vor den Wald mitzufahren, wenn sie versprächen, sich nicht zu |
| 504 | necken und sich recht festzuhalten. |
| 505 | |
| 506 | Wir hatten uns kaum zurecht gesetzt, die Frauenzimmer sich bewillkommt, |
| 507 | wechselsweise über den Anzug, vorzüglich über die Hüte ihre Anmerkungen gemacht und die |
| 508 | Gesellschaft, die man erwartete, gehörig durchgezogen, als Lotte den Kutscher halten und |
| 509 | ihre Brüder herabsteigen liess, die noch einmal ihre Hand zu küssen begehrten, |
| 510 | das denn der älteste mit aller Zärtlichkeit, die dem Alter von fünfzehn Jahren |
| 511 | eigen sein kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinn tat. Sie liess die |
| 512 | Kleinen noch einmal grüssen, und wir fuhren weiter. |
| 513 | |
| 514 | Die Base fragte, ob sie mit dem Buche fertig wäre, das sie ihr neulich |
| 515 | geschickt hätte.—"nein", sagte Lotte,"es gefällt mir nicht, Sie können's |
| 516 | wiederhaben. Das vorige war auch nicht besser".—Ich erstaunte, als ich fragte, was es |
| 517 | für Bücher wären, und sie mir antwortete:—ich fand so viel Charakter in allem, |
| 518 | was sie sagte, ich sah mit jedem Wort neue Reize, neue Strahlen des Geistes |
| 519 | aus ihren Gesichtszügen hervorbrechen, die sich nach und nach vergnügt zu |
| 520 | entfalten schienen, weil sie an mir fühlte, dass ich sie verstand. |
| 521 | |
| 522 | "Wie ich jünger war", sagte sie, "liebte ich nichts so sehr als Romane. Weiss |
| 523 | Gott, wie wohl mir's war, wenn ich mich Sonntags in so ein Eckchen setzen und |
| 524 | mit ganzem Herzen an dem Glück und Unstern einer Miss Jonny teilnehmen konnte. |
| 525 | Ich leugne auch nicht, dass die Art noch einige Reize für mich hat. Doch da ich |
| 526 | so selten an ein Buch komme, so muss es auch recht nach meinem Geschmack sein. |
| 527 | Und der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem |
| 528 | es zugeht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und |
| 529 | herzlich wird als mein eigen häuslich Leben, das freilich kein Paradies, aber doch |
| 530 | im ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeit ist". |
| 531 | |
| 532 | Ich bemühte mich, meine Bewegungen über diese Worte zu verbergen. Das ging |
| 533 | freilich nicht weit: denn da ich sie mit solcher Wahrheit im Vorbeigehen vom |
| 534 | Landpriester von Wakefield, vom—reden hörte, kam ich ganz ausser mich, sagte ihr alles, |
| 535 | was ich musste, und bemerkte erst nach einiger Zeit, da Lotte das Gespräch an |
| 536 | die anderen wendete, dass diese die Zeit über mit offenen Augen, als sässen sie |
| 537 | nicht da, dagesessen hatten. Die Base sah mich mehr als einmal mit einem |
| 538 | spöttischen Näschen an, daran mir aber nichts gelegen war. |
| 539 | |
| 540 | Das Gespräch fiel aufs Vergnügen am Tanze.—"wenn diese Leidenschaft ein Fehler |
| 541 | ist,"sagte Lotte, "so gestehe ich Ihnen gern, ich weiss mir nichts übers Tanzen. Und |
| 542 | wenn ich was im Kopfe habe und mir auf meinem verstimmten Klavier einen |
| 543 | Contretanz vortrommle, so ist alles wieder gut". |
| 544 | |
| 545 | Wie ich mich unter dem Gespäche in den schwarzen Augen weidete—wie die |
| 546 | lebendigen Lippen und die frischen, muntern Wangen meine ganze Seele anzogen—wie ich, |
| 547 | in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz versunken, oft gar die Worte nicht |
| 548 | hörte, mit denen sie sich ausdrückte—davon hast du eine Vorstellung, weil du mich |
| 549 | kennst. Kurz, ich stieg aus dem Wagen wie ein Träumender, als wir vor dem |
| 550 | Lusthause stille hielten, und war so in Träumen rings in der dämmernden Welt |
| 551 | verloren, dass ich auf die Musik kaum achtete, die uns von dem erleuchteten Saal |
| 552 | herunter entgegenschallte. |
| 553 | |
| 554 | Die zwei Herren Audran und ein gewisser N. N.—wer behält alle die |
| 555 | Namen—, die der Base und Lottens Tänzer waren, empfingen uns am |
| 556 | Schlage, bemächtigten sich ihrer Frauenzimmer, und ich führte das |
| 557 | meinige hinauf. |
| 558 | |
| 559 | Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte ein Frauenzimmer |
| 560 | nach dem andern auf, und just die unleidlichsten konnten nicht dazu kommen, |
| 561 | einem die Hand zu reichen und ein Ende zu machen. Lotte und ihr Tänzer fingen |
| 562 | einen Englischen an, und wie wohl mir's war, als sie auch in der Reihe die Figur |
| 563 | mit uns anfing, magst du fühlen. Tanzen muss man sie sehen! Siehst du, sie ist |
| 564 | so mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Körper eine |
| 565 | Harmonie, so sorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles wäre, als wenn |
| 566 | sie sonst nichts dächte, nichts empfände; und in dem Augenblicke gewiss |
| 567 | schwindet alles andere vor ihr. |
| 568 | |
| 569 | Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte mit den dritten zu, und mit |
| 570 | der liebenswürdigsten Freimütigkeit von der Welt versicherte sie mir, dass sie |
| 571 | herzlich gern deutsch tanze.—"Es ist hier so Mode, "fuhr sie fort," dass jedes Paar, |
| 572 | das zusammen gehört, beim Deutschen zusammenbleibt, und mein Chapeau walzt |
| 573 | schlecht und dankt mir's, wenn ich ihm die Arbeit erlasse. Ihr Frauenzimmer kann's |
| 574 | auch nicht und mag nicht, und ich habe im Englischen gesehen, dass Sie gut |
| 575 | walzen; wenn Sie nun mein sein wollen fürs Deutsche, so gehen Sie und bitten |
| 576 | sich's von meinem Herrn aus, und ich will zu Ihrer Dame gehen".—ich gab ihr die |
| 577 | Hand darauf, und wir machten aus, dass ihr Tänzer inzwischen meine Tänzerin |
| 578 | unterhalten sollte. |
| 579 | |
| 580 | Nun ging's an, und wir ergetzten uns eine Weile an manigfaltigen Schlingungen |
| 581 | der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher Flüchtigkeit bewegte sie sich! Und da |
| 582 | wir nun gar ans Walzen kamen und wie die Sphären um einander herumrollten, |
| 583 | ging's freilich anfangs, weil's die wenigsten können, ein bisschen bunt |
| 584 | durcheinander. Wir waren klug und liessen sie austoben, und als die Ungeschicktesten den |
| 585 | Plan geräumt hatten, fielen wir ein und hielten mit noch einem Paare, mit |
| 586 | Audran und seiner Tänzerin, wacker aus. Nie ist mir's so leicht vom Flecke |
| 587 | gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu |
| 588 | haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, dass alles rings umher verging, |
| 589 | und—Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat ich aber doch den Schwur, dass ein Mädchen, das ich |
| 590 | liebte, auf das ich Ansprüche hätte, mir nie mit einem andern walzen sollte als |
| 591 | mit mir, und wenn ich drüber zugrunde gehen müsste. Du verstehst mich! |
| 592 | |
| 593 | Wir machten einige Touren gehend im Saale, um zu verschnaufen. Dann setzte sie |
| 594 | sich, und die Orangen, die ich beiseite gebracht hatte, die nun die einzigen |
| 595 | noch übrigen waren, taten vortreffliche Wirkung, nur dass mir mit jedem |
| 596 | Schnittchen, das sie einer unbescheidenen Nachbarin ehrenhalben zuteilte, ein Stich |
| 597 | durchs Herz ging. |
| 598 | |
| 599 | Beim dritten englischen Tanz waren wir das zweite Paar. Wie wir die Reihe |
| 600 | durchtanzten und ich, weiss Gott mit wieviel Wonne, an ihrem Arm und Auge hing, das voll |
| 601 | vom wahrsten Ausdruck des offensten, reinsten Vergnügens war, kommen wir an |
| 602 | eine Frau, die mir wegen ihrer liebenswürdigen Miene auf einem nicht mehr ganz |
| 603 | jungen Gesichte merkwürdig gewesen war. Sie sieht Lotten lächelnd an, hebt einen |
| 604 | drohenden Finger auf und nennt den Namen Albert zweimal im Vorbeifliegen mit viel |
| 605 | Bedeutung. |
| 606 | |
| 607 | "Wer ist Albert?" sagte ich zu Lotten, "wenn's nicht Vermessenheit ist zu |
| 608 | fragen".—Sie war im Begriff zu antworten, als wir uns scheiden mussten, um die grosse |
| 609 | Achte zu machen, und mich dünkte einiges Nachdenken auf ihrer Stirn zu sehen, |
| 610 | als wir so vor einander vorbeikreuzten.—"Was soll ich's Ihnen leugnen," sagte |
| 611 | sie, indem sie mir die Hand zur Promenade bot. "Albert ist ein braver Mensch, |
| 612 | dem ich so gut als verlobt bin".—nun war mir das nichts Neues (denn die |
| 613 | Mädchen hatten mir's auf dem Wege gesagt) und war mir doch so ganz neu, weil ich |
| 614 | es noch nicht im Verhältnis auf sie, die mir in so wenig Augenblicken so wert |
| 615 | geworden war, gedacht hatte. Genug, ich verwirrte mich, vergass mich und kam |
| 616 | zwischen das unrechte Paar hinein, dass alles drunter und drüber ging und Lottens |
| 617 | ganze Gegenwart und Zerren und Ziehen nötig war, um es schnell wieder in Ordnung |
| 618 | zu bringen. |
| 619 | |
| 620 | Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, die wir schon lange am |
| 621 | Horizonte leuchten gesehn und die ich immer für Wetterkühlen ausgegeben hatte, viel |
| 622 | stärker zu werden anfingen und der Donner die Musik überstimmte. Drei Frauenzimmer |
| 623 | liefen aus der Reihe, denen ihre Herren folgten; die Unordnung wurde allgemein, |
| 624 | und die Musik hörte auf. Es ist natürlich, wenn uns ein Unglück oder etwas |
| 625 | Schreckliches im Vergnügen überrascht, dass es stärkere Eindrücke auf uns macht als |
| 626 | sonst, teils wegen des Gegensatzes, der sich so lebhaft empfinden lässt, teils und |
| 627 | noch mehr, weil unsere Sinne einmal der Fühlbarkeit geöffnet sind und also |
| 628 | desto schneller einen Eindruck annehmen. Diesen Ursachen muss ich die wunderbaren |
| 629 | Grimassen zuschreiben, in die ich mehrere Frauenzimmer ausbrechen sah. Die klügste |
| 630 | setzte sich in eine Ecke, mit dem Rücken gegen das Fenster, und hielt die Ohren |
| 631 | zu. Eine andere kniete vor ihr nieder und verbarg den Kopf in der erster |
| 632 | Schoss. Eine dritte schob sich zwischen beide hinein und umfasste ihre |
| 633 | Schwesterchen mit tausend Tränen. Einige wollten nach Hause; andere, die noch weniger |
| 634 | wussten, was sie taten, hatten nicht so viel Besinnungskraft, den Keckheiten |
| 635 | unserer jungen Schlucker zu steuern, die sehr beschäftigt zu sein schienen, alle |
| 636 | die ängstlichen Gebete, die dem Himmel bestimmt waren, von den Lippen der |
| 637 | schönen Bedrängten wegzufangen. Einige unserer Herren hatten sich hinabbegeben, um |
| 638 | ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen; und die übrige Gesellschaft schlug es nicht |
| 639 | aus, als die Wirtin auf den klugen Einfall kam, uns ein Zimmer anzuweisen, das |
| 640 | Läden und Vorhänge hätte. Kaum waren wir da angelangt, als Lotte beschäftigt |
| 641 | war, einen Kreis von Stühlen zu stellen und, als sich die Gesellschaft auf ihre |
| 642 | Bitte gesetzt hatte, den Vortrag zu einem Spiele zu tun. |
| 643 | |
| 644 | Ich sah manchen, der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand sein Mäulchen spitzte |
| 645 | und seine Glieder reckte.—"Wir spielen Zählens!" sagte sie. "Nun gebt acht! |
| 646 | Ich geh' im Kreise herum von der Rechten zur Linken, und so zählt ihr auch |
| 647 | rings herum, jeder die Zahl, die an ihn kommt, und das muss gehen wie ein |
| 648 | Lauffeuer, und wer stockt oder sich irrt, kriegt eine Ohrfeige, und so bis |
| 649 | tausend".—nun war das lustig anzusehen: sie ging mit ausgestrecktem Arm im Kreise herum. |
| 650 | "Eins", fing der erste an, der Nachbar "zwei", "drei" der folgende, und so fort. |
| 651 | Dann fing sie an, geschwinder zu gehen, immer geschwinder; da versah's einer: |
| 652 | Patsch! Eine Ohrfeige, und über das Gelächter der folgende auch: Patsch! Und immer |
| 653 | geschwinder. Ich selbst kriegte zwei Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnügen zu |
| 654 | bemerken, dass sie stärker seien, als sie den übrigen zuzumessen pflegte. Ein |
| 655 | allgemeines Gelächter und Geschwärm endigte das Spiel, ehe noch das Tausend ausgezählt |
| 656 | war. Die Vertrautesten zogen einander beiseite, das Gewitter war vorüber, und |
| 657 | ich folgte Lotten in den Saal. Unterwegs sagte sie:"über die Ohrfeigen haben |
| 658 | sie Wetter und alles vergessen!"—ich konnte ihr nichts antworten.—"ich war", |
| 659 | fuhr sie fort, "eine der Furchtsamsten, und indem ich mich herzhaft stellte, um |
| 660 | den andern Mut zu geben, bin ich mutig geworden".—Wir traten ans Fenster. Es |
| 661 | donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der |
| 662 | erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand |
| 663 | auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen |
| 664 | Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die |
| 665 | meinige und sagte: "Klopstock!"—Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, |
| 666 | die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie |
| 667 | in dieser Losung über mich ausgoss. Ich ertrug's nicht, neigte mich auf ihre |
| 668 | Hand und küsste sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge |
| 669 | wieder—Edler! Hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen, und möcht' ich nun |
| 670 | deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören! |
| 671 | |
| 672 | Am 19. Junius |
| 673 | |
| 674 | Wo ich neulich mit meiner Erzählung geblieben bin, weiss ich nicht mehr; das |
| 675 | weiss ich, dass es zwei Uhr des Nachts war, als ich zu Bette kam, und dass, wenn |
| 676 | ich dir hätte vorschwatzen können, statt zu schreiben, ich dich vielleicht bis |
| 677 | an den Morgen aufgehalten hätte. |
| 678 | |
| 679 | Was auf unserer Hereinfahrt vom Balle geschehen ist, habe ich noch nicht |
| 680 | erzählt, habe auch heute keinen Tag dazu. |
| 681 | |
| 682 | Es war der herrlichste Sonnenaufgang. Der tröpfelnde Wald und das erfrischte |
| 683 | Feld umher! Unsere Gesellschafterinnen nickten ein. Sie fragte mich, ob ich |
| 684 | nicht auch von der Partie sein wollte; ihretwegen sollt' ich unbekümmert |
| 685 | sein.—"So lange ich diese Augen offen sehe", sagte ich und sah sie fest an,"so lange |
| 686 | hat's keine Gefahr".—Und wir haben beide ausgehalten bis an ihr Tor, da ihr die |
| 687 | Magd leise aufmachte und auf ihr Fragen versicherte, dass Vater und Kleine wohl |
| 688 | seien und alle noch schliefen. Da verliess ich sie mit der Bitte, sie selbigen |
| 689 | Tags noch sehen zu dürfen; sie gestand mir's zu, und ich bin gekommen—und seit |
| 690 | der Zeit können Sonne, Mond und Sterne geruhig ihre Wirtschaft treiben, ich |
| 691 | weiss weder dass Tag noch dass Nacht ist, und die ganze Welt verliert sich um mich |
| 692 | her. |
| 693 | |
| 694 | Am 21. Junius |
| 695 | |
| 696 | Ich lebe so glückliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen ausspart; und mit |
| 697 | mir mag werden was will, so darf ich nicht sagen, dass ich die Freuden, die |
| 698 | reinsten Freuden des Lebens nicht genossen habe.—du kennst mein Wahlheim; dort bin |
| 699 | ich völlig etabliert, von da habe ich nur eine halbe Stunde zu Lotten, dort |
| 700 | fühl' ich mich selbst und alles Glück, das dem Menschen gegeben ist. |
| 701 | |
| 702 | Hätt' ich gedacht, als ich mir Wahlheim zum Zwecke meiner Spaziergänge wählte, |
| 703 | dass es so nahe am Himmel läge! Wie oft habe ich das Jagdhaus, das nun alle |
| 704 | meine Wünsche einschliesst, auf meinen weiten Wanderungen, bald vom Berge, bald |
| 705 | von der Ebne über den Fluss gesehn! |
| 706 | |
| 707 | Lieber Wilhelm, ich habe allerlei nachgedacht, über die Begier im Menschen, sich |
| 708 | auszubreiten, neue Entdeckungen zu machen, herumzuschweifen; und dann wieder über den |
| 709 | inneren Trieb, sich der Einschränkung willig zu ergeben, in dem Gleise der |
| 710 | Gewohnheit so hinzufahren und sich weder um Rechts noch um Links zu bekümmern. |
| 711 | |
| 712 | Es ist wunderbar: wie ich hierher kam und vom Hügel in das schöne Tal |
| 713 | schaute, wie es mich rings umher anzog.—dort das Wäldchen!—ach könntest du dich in |
| 714 | seine Schatten mischen!—dort die Spitze des Berges!—ach könntest du von da die |
| 715 | weite Gegend überschauen!—die in einander geketteten Hügel und vertraulichen |
| 716 | Täler!—o könnte ich mich in ihnen verlieren!—ich eilte hin, und kehrte zurück, und |
| 717 | hatte nicht gefunden, was ich hoffte. O es ist mit der Ferne wie mit der |
| 718 | Zukunft! Ein grosses dämmerndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung |
| 719 | verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! Unser ganzes Wesen |
| 720 | hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, grossen, herrlichen Gefühls ausfüllen |
| 721 | zu lassen.—und ach! Wenn wir hinzueilen, wenn das Dort nun Hier wird, ist |
| 722 | alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in unserer |
| 723 | Eingeschränktheit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale. |
| 724 | |
| 725 | So sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinem |
| 726 | Vaterlande und findet in seiner Hütte, an der Brust seiner Gattin, in |
| 727 | dem Kreise seiner Kinder, in den Geschäften zu ihrer Erhaltung die |
| 728 | Wonne, die er in der weiten Welt vergebens suchte. |
| 729 | |
| 730 | Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem Wahlheim und |
| 731 | dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke, mich hinsetze, sie |
| 732 | abfädne und dazwischen in meinem Homer lese; wenn ich in der kleinen Küche mir |
| 733 | einen Topf wähle, mir Butter aussteche, Schoten ans Feuer stelle, zudecke und |
| 734 | mich dazusetze, sie manchmal umzuschütteln: da fühl' ich so lebhaft, wie die |
| 735 | übermütigen Freier der Penelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten. |
| 736 | Es ist nichts, das mich so mit einer stillen, wahren Empfindung ausfüllte als |
| 737 | die Züge patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank, ohne Affektation in |
| 738 | meine Lebensart verweben kann. |
| 739 | |
| 740 | Wie wohl ist mir's, dass mein Herz die simple, harmlose Wonne des Menschen |
| 741 | fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen, |
| 742 | und nun nicht den Kohl allein, sondern all die guten Tage, den schönen Morgen, |
| 743 | da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoss, und da er an dem |
| 744 | fortschreitenden Wachstum seine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder mitgeniesst. |
| 745 | |
| 746 | Am 29. Junius |
| 747 | |
| 748 | Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann und fand mich auf |
| 749 | der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir herumkrabbelten, andere |
| 750 | mich neckten, und wie ich sie kitzelte und ein grosses Geschrei mit ihnen |
| 751 | erregte. Der Doktor, der eine sehr dogmatische Drahtpuppe ist, unterm Reden seine |
| 752 | Manschetten in Falten legt und einen Kräusel ohne Ende herauszupft, fand dieses unter |
| 753 | der Würde eines gescheiten Menschen; das merkte ich an seiner Nase. Ich liess |
| 754 | mich aber in nichts stören, liess ihn sehr vernünftige Sachen abhandeln und |
| 755 | baute den Kindern ihre Kartenhäuser wieder, die sie zerschlagen hatten. Auch |
| 756 | ging er darauf in der Stadt herum und beklagte, des Amtmanns Kinder wären so |
| 757 | schon ungezogen genug, der Werther verderbe sie nun völlig. |
| 758 | |
| 759 | Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde. |
| 760 | Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller |
| 761 | Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden; wenn ich in dem Eigensinne |
| 762 | künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten |
| 763 | Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, |
| 764 | alles so unverdorben, so ganz!—immer, immer wiederhole ich dann die goldenen |
| 765 | Worte des Lehrers der Menschen:"wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen!" und |
| 766 | nun, mein Bester, sie, die unseresgleichen sind, die wir als unsere Muster |
| 767 | ansehen sollten, behandeln wir als Untertanen. Sie sollen keinen Willen |
| 768 | haben!—haben wir denn keinen? Und wo liegt das Vorrecht?—weil wir älter sind und |
| 769 | gescheiter!—guter Gott von deinem Himmel, alte Kinder siehst du und junge Kinder, und nichts |
| 770 | weiter; und an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon lange |
| 771 | verkündigt. Aber sie glauben an ihn und hören ihn nicht—das ist auch was Altes!—und |
| 772 | bilden ihre Kinder nach sich und—Adieu, Wilhelm! Ich mag darüber nicht weiter |
| 773 | radotieren. |
| 774 | |
| 775 | Am 1. Julius |
| 776 | |
| 777 | Was Lotte einem Kranken sein muss, fühl' ich an meinem eigenen Herzen, das |
| 778 | übler dran ist als manches, das auf dem Siechbette verschmachtet. Sie wird |
| 779 | einige Tage in der Stadt bei einer rechtschaffnen Frau zubringen, die sich nach |
| 780 | der Aussage der Ärzte ihrem Ende naht und in diesen letzten Augenblicken |
| 781 | Lotten um sich haben will. Ich war vorige Woche mit ihr, den Pfarrer von St. zu |
| 782 | besuchen; ein Örtchen, das eine Stunde seitwärts im Gebirge liegt. Wir kamen gegen |
| 783 | vier dahin. Lotte hatte ihre zweite Schwester mitgenommen. Als wir in den mit |
| 784 | zwei hohen Nussbäumen überschatteten Pfarrhof traten, sass der gute alte Mann auf |
| 785 | einer Bank vor der Haustür, und da er Lotten sah, ward er wie neu belebt, vergass |
| 786 | seinen Knotenstock und wagte sich auf, ihr entgegen. Sie lief hin zu ihm, nötigte |
| 787 | ihn sich niederzulassen, indem sie sich zu ihm setzte, brachte viele Grüsse von |
| 788 | ihrem Vater, herzte seinen garstigen, schmutzigen jüngsten Buben, das Quakelchen |
| 789 | seines Alters. Du hättest sie sehen sollen, wie sie den Alten beschäftigte, wie |
| 790 | sie ihre Stimme erhob, um seinen halb tauben Ohren vernehmlich zu werden, wie |
| 791 | sie ihm von jungen, robusten Leuten erzählte, die unvermutet gestorben wären, |
| 792 | von der Vortrefflichkeit des Karlsbades, und wie sie seinen Entschluss lobte, |
| 793 | künftigen Sommer hinzugehen, wie sie fand, dass er viel besser aussähe, viel munterer |
| 794 | sei als das letztemal, da sie ihn gesehn.—ich hatte indes der Frau Pfarrerin |
| 795 | meine Höflichkeiten gemacht. Der Alte wurde ganz munter, und da ich nicht umhin |
| 796 | konnte, die schönen Nussbäume zu loben, die uns so lieblich beschatteten, fing er |
| 797 | an, uns, wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit, die Geschichte davon zu |
| 798 | geben.—"den alten", sagte er,"wissen wir nicht, wer den gepflanzt hat; einige sagen |
| 799 | dieser, andere jener Pfarrer. Der jüngere aber dort hinten ist so alt als meine |
| 800 | Frau, im Oktober funfzig Jahr. Ihr Vater pflanzte ihn des Morgens, als sie gegen |
| 801 | Abend geboren wurde. Er war mein Vorfahr im Amt, und wie lieb ihm der Baum war, |
| 802 | ist nicht zu sagen; mir ist er's gewiss nicht weniger. Meine Frau sass darunter |
| 803 | auf einem Balken und strickte, da ich vor siebenundzwanzig Jahren als ein |
| 804 | armer Student zum erstenmale hier in den Hof kam".—Lotte fragte nach seiner |
| 805 | Tochter; es hiess, sie sei mit Herrn Schmidt auf die Wiese hinaus zu den Arbeitern, |
| 806 | und der Alte fuhr in seiner Erzählung fort: wie sein Vorfahr ihn liebgewonnen |
| 807 | und die Tochter dazu, und wie er erst sein Vikar und dann sein Nachfolger |
| 808 | geworden. Die Geschichte war nicht lange zu Ende, als die Jungfer Pfarrerin mit dem |
| 809 | sogenannten Herrn Schmidt durch den Garten herkam: sie bewillkommte Lotten mit |
| 810 | herzlicher Wärme, und ich muss sagen, sie gefiel mir nicht übel; eine rasche, |
| 811 | wohlgewachsene Brünette, die einen die kurze Zeit über auf dem Lande wohl unterhalten |
| 812 | hätte. Ihr Liebhaber (denn als solchen stellte sich Herr Schmidt gleich dar), ein |
| 813 | feiner, doch stiller Mensch, der sich nicht in unsere Gespräche mischen wollte, ob |
| 814 | ihn gleich Lotte immer hereinzog. Was mich am meisten betrübte, war, dass ich |
| 815 | an seinen Gesichtszügen zu bemerken schien, es sei mehr Eigensinn und übler |
| 816 | Humor als Eingeschränktheit des Verstandes, der ihn sich mitzuteilen hinderte. |
| 817 | In der Folge ward dies leider nur zu deutlich; denn als Friederike beim |
| 818 | Spazierengehen mit Lotten und gelegentlich auch mit mir ging, wurde des Herrn Angesicht, |
| 819 | das ohnedies einer bräunlichen Farbe war, so sichtlich verdunkelt, dass es Zeit |
| 820 | war, dass Lotte mich beim Ärmel zupfte und mir zu verstehn gab, dass ich mit |
| 821 | Friederiken zu artig getan. Nun verdriesst mich nichts mehr, als wenn die Menschen |
| 822 | einander plagen, am meisten, wenn junge Leute in der Blüte des Lebens, da sie am |
| 823 | offensten für alle Freuden sein könnten, einander die paar guten Tage mit Fratzen |
| 824 | verderben und nur erst zu spät das Unersetzliche ihrer Verschwendung einsehen. Mich |
| 825 | wurmte das, und ich konnte nicht umhin, da wir gegen Abend in den Pfarrhof |
| 826 | zurückkehrten und an einem Tische Milch assen und das Gespräch auf Freude und Leid der |
| 827 | Welt sich wendete, den Faden zu ergreifen und recht herzlich gegen die üble |
| 828 | Laune zu reden.—"wir Menschen beklagen uns oft", fing ich an, "dass der guten |
| 829 | Tage so wenig sind und der schlimmen so viel, und, wie mich dünkt, meist mit |
| 830 | Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hätten, das Gute zu geniessen, das uns Gott |
| 831 | für jeden Tag bereitet, wir würden alsdann auch Kraft genug haben, das Übel zu |
| 832 | tragen, wenn es kommt". —"Wir haben aber unser Gemüt nicht in unserer Gewalt", |
| 833 | versetzte die Pfarrerin, "wie viel hängt vom Körper ab! Wenn einem nicht wohl ist, |
| 834 | ist's einem überall nicht recht".—Ich gestand ihr das ein.—"Wir wollen es also", |
| 835 | fuhr ich fort,"als eine Krankheit ansehen und fragen, ob dafür kein Mittel |
| 836 | ist?"—"Das lässt sich hören", sagte Lotte, "ich glaube wenigstens, dass viel von uns |
| 837 | abhängt. Ich weiss es an mir. Wenn mich etwas neckt und mich verdriesslich machen |
| 838 | will, spring' ich auf und sing' ein paar Contretänze den Garten auf und ab, |
| 839 | gleich ist's weg".—"das war's, was ich sagen wollte,"versetzte ich,"es ist mit |
| 840 | der üblen Laune völlig wie mit der Trägheit, denn es ist eine Art von |
| 841 | Trägheit. Unsere Natur hängt sehr dahin, und doch, wenn wir nur einmal die Kraft |
| 842 | haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frisch von der Hand, und wir finden |
| 843 | in der Tätigkeit ein wahres Vergnügen". —Friederike war sehr aufmerksam, und |
| 844 | der junge Mensch wandte mir ein, dass man nicht Herr über sich selbst sei und |
| 845 | am wenigsten über seine Empfindungen gebieten könne.—"es ist hier die Frage |
| 846 | von einer unangenehmen Empfindung", versetzte ich, "die doch jedermann gerne |
| 847 | los ist; und niemand weiss, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sie versucht |
| 848 | hat. Gewiss, wer krank ist, wird bei allen Ärzten herumfragen, und die grössten |
| 849 | Resignationen, die bittersten Arzeneien wird er nicht abweisen, um seine gewünschte |
| 850 | Gesundheit zu erhalten".—ich bemerkte, dass der ehrliche Alte sein Gehör anstrengte, |
| 851 | um an unserm Diskurse teilzunehmen, ich erhob die Stimme, indem ich die Rede |
| 852 | gegen ihn wandte". Man predigt gegen so viele Laster", sagte ich, "ich habe noch |
| 853 | nie gehört, dass man gegen die üble Laune vom Predigtstuhle gearbeitet |
| 854 | hätte.—"Das müssten die Stadtpfarrer tun", sagte er, "die Bauern haben keinen bösen |
| 855 | Humor; doch könnte es auch zuweilen nicht schaden, es wäre eine Lektion für seine |
| 856 | Frau wenigstens und für den Herrn Amtmann".—Die Gesellschaft lachte, und er |
| 857 | herzlich mit, bis er in einen Husten verfiel, der unsern Diskurs eine Zeitlang |
| 858 | unterbrach; darauf denn der junge Mensch wieder das Wort nahm: "Sie nannten den bösen |
| 859 | Humor ein Laster; mich deucht, das ist übertrieben".—"Mit nichten", gab ich zur |
| 860 | Antwort, "wenn das, womit man sich selbst und seinem Nächsten schadet, diesen Namen |
| 861 | verdient. Ist es nicht genug, dass wir einander nicht glücklich machen können, müssen |
| 862 | wir auch noch einander das Vergnügen rauben, das jedes Herz sich noch manchmal |
| 863 | selbst gewähren kann? Und nennen Sie mir den Menschen, der übler Laune ist und so |
| 864 | brav dabei, sie zu verbergen, sie allein zu tragen, ohne die Freude um sich her |
| 865 | zu zerstören! Oder ist sie nicht vielmehr ein innerer Unmut über unsere |
| 866 | eigene Unwürdigkeit, ein Missfallen an uns selbst, das immer mit einem Neide |
| 867 | verknüpft ist, der durch eine törichte Eitelkeit aufgehetzt wird? Wir sehen |
| 868 | glückliche Menschen, die wir nicht glücklich machen, und das ist unerträglich".—Lotte |
| 869 | lächelte mich an, da sie die Bewegung sah, mit der ich redete, und eine Träne in |
| 870 | Friederikens Auge spornte mich fortzufahren.—"Wehe denen", sagte ich, "die sich der |
| 871 | Gewalt bedienen, die sie über ein Herz haben, um ihm die einfachen Freuden zu |
| 872 | rauben, die aus ihm selbst hervorkeimen. Alle Geschenke, alle Gefälligkeiten der |
| 873 | Welt ersetzen nicht einen Augenblick Vergnügen an sich selbst, den uns eine |
| 874 | neidische Unbehaglichkeit unsers Tyrannen vergällt hat". |
| 875 | |
| 876 | Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke; die Erinnerung so manches |
| 877 | Vergangenen drängte sich an meine Seele, und die Tränen kamen mir in die Augen. |
| 878 | |
| 879 | "Wer sich das nur täglich sagte",rief ich aus,"du vermagst nichts auf deine |
| 880 | Freunde, als ihnen ihre Freuden zu lassen und ihr Glück zu vermehren, indem du es |
| 881 | mit ihnen geniessest. Vermagst du, wenn ihre innere Seele von einer |
| 882 | ängstigenden Leidenschaft gequält, vom Kummer zerrüttet ist, ihnen einen Tropfen |
| 883 | Linderung zu geben? |
| 884 | |
| 885 | Und wenn die letzte, bangste Krankheit dann über das Geschöpf herfällt, das du |
| 886 | in blühenden Tagen untergraben hast, und sie nun daliegt in dem |
| 887 | erbärmlichsten Ermatten, das Auge gefühllos gen Himmel sieht, der Todesschweiss auf der |
| 888 | blassen Stirne abwechselt, und du vor dem Bette stehst wie ein Verdammter, in dem |
| 889 | innigsten Gefühl, dass du nichts vermagst mit deinem ganzen Vermögen, und die Angst |
| 890 | dich inwendig krampft, dass du alles hingeben möchtest, dem untergehenden |
| 891 | Geschöpfe einen Tropfen Stärkung, einen Funken Mut einflössen zu können". |
| 892 | |
| 893 | Die Erinnerung einer solchen Szene, wobei ich gegenwärtig war, fiel mit ganzer |
| 894 | Gewalt bei diesen Worten über mich. Ich nahm das Schnupftuch vor die Augen und |
| 895 | verliess die Gesellschaft, und nur Lottens Stimme, die mir rief, wir wollten fort, |
| 896 | brachte mich zu mir selbst. Und wie sie mich auf dem Wege schalt über den zu |
| 897 | warmen Anteil an allem, und dass ich drüber zugrunde gehen würde! Dass ich mich |
| 898 | schonen sollte!—O der Engel! Um deinetwillen muss ich leben! |
| 899 | |
| 900 | Am 6. Julius |
| 901 | |
| 902 | Sie ist immer um ihre sterbende Freundin, und ist immer dieselbe, immer das |
| 903 | gegenwärtige, holde Geschöpf, das, wo sie hinsieht, Schmerzen lindert und Glückliche |
| 904 | macht. Sie ging gestern abend mit Marianen und dem kleinen Malchen spazieren, ich |
| 905 | wusste es und traf sie an, und wir gingen zusammen. Nach einem Wege von |
| 906 | anderthalb Stunden kamen wir gegen die Stadt zurück, an den Brunnen, der mir so wert |
| 907 | und nun tausendmal werter ist. Lotte setzte sich aufs Mäuerchen, wir standen |
| 908 | vor ihr. Ich sah umher, ach, und die Zeit, da mein Herz so allein war, lebte |
| 909 | wieder vor mir auf.—"Lieber Brunnen", sagte ich, "seither hab' ich nicht mehr an |
| 910 | deiner Kühle geruht, hab' in eilendem Vorübergehn dich manchmal nicht |
| 911 | angesehn".—Ich blickte hinab und sah, dass Malchen mit einem Glase Wasser sehr beschäftigt |
| 912 | heraufstieg.—Ich sah Lotten an und fühlte alles, was ich an ihr habe. Indem kommt Malchen |
| 913 | mit einem Glase. Mariane wollt' es ihr abnehmen: "nein!" rief das Kind mit dem |
| 914 | süssesten Ausdrucke,"nein, Lottchen, du sollst zuerst trinken!"—ich ward über die |
| 915 | Wahrheit, über die Güte, womit sie das ausrief, so entzückt, dass ich meine |
| 916 | Empfindung mit nichts ausdrücken konnte, als ich nahm das Kind von der Erde und küsste |
| 917 | es lebhaft, das sogleich zu schreien und zu weinen anfing.—"Sie haben übel |
| 918 | getan", sagte Lotte.—Ich war betroffen.—"komm, Malchen, "fuhr sie fort, indem sie |
| 919 | es bei der Hand nahm und die Stufen hinabführte, "da wasche dich aus der |
| 920 | frischen Quelle geschwind, geschwind, da tut's nichts".—Wie ich so dastand und |
| 921 | zusah, mit welcher Emsigkeit das Kleine seinen nassen Händchen die Backen rieb, |
| 922 | mit welchem Glauben, dass durch die Wunderquelle alle Verunreinigung abgespült |
| 923 | und die Schmach abgetan würde, einen hässlichen Bart zu kriegen; wie Lotte |
| 924 | sagte: "es ist genug!" und das Kind doch immer eifrig fortwusch, als wenn Viel |
| 925 | mehr täte als Wenig—ich sage dir, Wilhelm, ich habe mit mehr Respekt nie einer |
| 926 | Taufhandlung beigewohnt; und als Lotte heraufkam, hätte ich mich gern vor ihr |
| 927 | niedergeworfen wie vor einem Propheten, der die Schulden einer Nation weggeweiht hat. |
| 928 | |
| 929 | Des Abends konnte ich nicht umhin, in der Freude meines Herzens den Vorfall |
| 930 | einem Manne zu erzählen, dem ich Menschensinn zutraute, weil er Verstand hat; |
| 931 | aber wie kam ich an! Er sagte, das sei sehr übel von Lotten gewesen; man solle |
| 932 | den Kindern nichts weis machen; dergleichen gebe zu unzähligen Irrtümern und |
| 933 | Aberglauben Anlass, wovor man die Kinder frühzeitig bewahren müsse.—nun fiel mir ein, |
| 934 | dass der Mann vor acht Tagen hatte taufen lassen, drum liess ich's vorbeigehen |
| 935 | und blieb in meinem Herzen der Wahrheit getreu: wir sollen es mit den Kindern |
| 936 | machen wie Gott mit uns, der uns am glücklichsten macht, wenn er uns in |
| 937 | freundlichem Wahne so hintaumeln lässt. |
| 938 | |
| 939 | Am 8. Julius |
| 940 | |
| 941 | Was man ein Kind ist! Was man nach so einem Blicke geizt! Was man ein Kind |
| 942 | ist!—Wir waren nach Wahlheim gegangen. Die Frauenzimmer fuhren hinaus, und während |
| 943 | unserer Spaziergänge glaubte ich in Lottens schwarzen Augen—ich bin ein Tor, |
| 944 | verzeih mir's! Du solltest sie sehen, diese Augen.—Dass ich kurz bin (denn die |
| 945 | Augen fallen mir zu vor Schlaf): siehe, die Frauenzimmer stiegen ein, da standen |
| 946 | um die Kutsche der junge W., Selstadt und Audran und ich. Da ward aus dem |
| 947 | Schlage geplaudert mit den Kerlchen, die freilich leicht und lüftig genug |
| 948 | waren.—ich suchte Lottens Augen: ach, sie gingen von einem zum andern! Aber auf mich! |
| 949 | Mich! Mich! Der ganz allein auf sie resigniert dastand, fielen sie nicht!—Mein |
| 950 | Herz sagte ihr tausend Adieu! Und sie sah mich nicht! Die Kutsche fuhr vorbei, |
| 951 | und eine Träne stand mir im Auge. Ich sah ihr nach und sah Lottens Kopfputz |
| 952 | sich zum Schlage herauslehnen, und sie wandte sich um zu sehen, ach! Nach |
| 953 | mir?—Lieber! In dieser Ungewissheit schwebe ich; das ist mein Trost: vielleicht hat sie |
| 954 | sich nach mir umgesehen! Vielleicht!—Gute Nacht! O, was ich ein Kind bin! |
| 955 | |
| 956 | Am 10. Julius |
| 957 | |
| 958 | Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Gesellschaft von ihr gesprochen |
| 959 | wird, solltest du sehen! Wenn man mich nun gar fragt, wie sie mir |
| 960 | gefällt?—gefällt! Das Wort hasse ich auf den Tod. Was muss das für ein Mensch sein, dem Lotte |
| 961 | gefällt, dem sie nicht alle Sinne, alle Empfindungen ausfüllt! Gefällt! Gefällt! |
| 962 | Neulich fragte mich einer, wie mir Ossian gefiele! |
| 963 | |
| 964 | Am 11. Julius |
| 965 | |
| 966 | Frau M. ist sehr schlecht; ich bete für ihr Leben, weil ich mit Lotten dulde. |
| 967 | Ich sehe sie selten bei einer Freundin, und heute hat sie mir einen |
| 968 | wunderbaren Vorfall erzählt.—der alte M. ist ein geiziger, rangiger Filz, der seine |
| 969 | Frau im Leben was Rechts geplagt und eingeschränkt hat; doch hat sich die Frau |
| 970 | immer durchzuhelfen gewusst. Vor wenigen Tagen, als der Arzt ihr das Leben |
| 971 | abgesprochen hatte, liess sie ihren Mann kommen (Lotte war im Zimmer) und redete ihn |
| 972 | also an: "ich muss dir eine Sache gestehen, die nach meinem Tode Verwirrung und |
| 973 | Verdruss machen könnte. Ich habe bisher die Haushaltung geführt, so ordentlich und |
| 974 | sparsam als möglich; allein du wirst mir verzeihen, dass ich dich diese dreissig |
| 975 | Jahre her hintergangen habe. Du bestimmtest im Anfange unserer Heirat ein |
| 976 | Geringes für die Bestreitung der Küche und anderer häuslichen Ausgaben. Als unsere |
| 977 | Haushaltung stärker wurde, unser Gewerbe grösser, warst du nicht zu bewegen, mein |
| 978 | Wochengeld nach dem Verhältnisse zu vermehren; kurz, du weisst, dass du in den Zeiten, |
| 979 | da sie am grössten war, verlangtest, ich solle mit sieben Gulden die Woche |
| 980 | auskommen. |
| 981 | |
| 982 | Die habe ich denn ohne Widerrede genommen und mir den Überschuss wöchentlich |
| 983 | aus der Losung geholt, da niemand vermutete, dass die Frau die Kasse bestehlen |
| 984 | würde. Ich habe nichts verschwendet und wäre auch, ohne es zu bekennen, getrost |
| 985 | der Ewigkeit entgegengegangen, wenn nicht diejenige, die nach mir das |
| 986 | Hauswesen zu führen hat, sich nicht zu helfen wissen würde, und du doch immer darauf |
| 987 | bestehen könntest, deine erste Frau sei damit ausgekommen". |
| 988 | |
| 989 | Ich redete mit Lotten über die unglaubliche Verblendung des Menschensinns, dass |
| 990 | einer nicht argwohnen soll, dahinter müsse was anders stecken, wenn eins mit |
| 991 | sieben Gulden hinreicht, wo man den Aufwand vielleicht um zweimal so viel sieht. |
| 992 | Aber ich habe selbst Leute gekannt, die des Propheten ewiges Ölkrüglein ohne |
| 993 | Verwunderung in ihrem Hause angenommen hätten. |
| 994 | |
| 995 | Am 13. Julius |
| 996 | |
| 997 | Nein, ich betrüge mich nicht! Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre |
| 998 | Teilnehmung an mir und meinem Schicksal. Ja ich fühle, und darin darf ich meinem |
| 999 | Herzen trauen, dass sie—o darf ich, kann ich den Himmel in diesen Worten |
| 1000 | aussprechen?—dass sie mich liebt! |
| 1001 | |
| 1002 | Mich liebt!—und wie wert ich mir selbst werde, wie ich—dir darf ich's wohl |
| 1003 | sagen, du hast Sinn für so etwas—wie ich mich selbst anbete, seitdem sie mich |
| 1004 | liebt! |
| 1005 | |
| 1006 | Ob das Vermessenheit ist oder Gefühl des wahren Verhältnisses?—ich kenne den |
| 1007 | Menschen nicht, von dem ich etwas in Lottens Herzen fürchtete. Und doch—wenn sie |
| 1008 | von ihrem Bräutigam spricht, mit solcher Wärme, solcher Liebe von ihm |
| 1009 | spricht—da ist mir's wie einem, der aller seiner Ehren und Würden entsetzt und dem |
| 1010 | der Degen genommen wird. |
| 1011 | |
| 1012 | Am 16. Julius |
| 1013 | |
| 1014 | Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn mein Finger unversehens den |
| 1015 | ihrigen berührt, wenn unsere Füsse sich unter dem Tische begegnen! Ich ziehe zurück |
| 1016 | wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder vorwärts—mir wird's so |
| 1017 | schwindelig vor allen Sinnen.—O! Und ihre Unschuld, ihre unbefangene Seele fühlt |
| 1018 | nicht, wie sehr mich die kleinen Vertraulichkeiten peinigen. Wenn sie gar im |
| 1019 | Gespräch ihre Hand auf die meinige legt und im Interesse der Unterredung näher zu |
| 1020 | mir rückt, dass der himmlische Atem ihres Mundes meine Lippen erreichen |
| 1021 | kann:—ich glaube zu versinken, wie vom Wetter gerührt.—und, Wilhelm! Wenn ich mich |
| 1022 | jemals unterstehe, diesen Himmel, dieses Vertrauen—! Du verstehst mich. Nein, |
| 1023 | mein Herz ist so verderbt nicht! Schwach! Schwach genug!—und ist das nicht |
| 1024 | Verderben?—sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart. Ich weiss nie, wie |
| 1025 | mir ist, wenn ich bei ihr bin; es ist, als wenn die Seele sich mir in allen |
| 1026 | Nerven umkehrte.—sie hat eine Melodie, die sie auf dem Klaviere spielet mit der |
| 1027 | Kraft eines Engels, so simpel und so geistvoll! Es ist ihr Leiblied, und mich |
| 1028 | stellt es von aller Pein, Verwirrung und Grillen her, wenn sie nur die erste Note |
| 1029 | davon greift. |
| 1030 | |
| 1031 | Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich. Wie |
| 1032 | mich der einfache Gesang angreift! Und wie sie ihn anzubringen weiss, oft zur |
| 1033 | Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf schiessen möchte! Die Irrung und |
| 1034 | Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atme wieder freier. |
| 1035 | |
| 1036 | Am 18. Julius |
| 1037 | |
| 1038 | Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist |
| 1039 | ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpchen hinein, so scheinen dir die buntesten |
| 1040 | Bilder an deine weisse Wand! Und wenn's nichts wäre als das, als vorübergehende |
| 1041 | Phantome, so macht's doch immer unser Glück, wenn wir wie frische Jungen davor |
| 1042 | stehen und uns über die Wundererscheinungen entzücken. Heute konnte ich nicht zu |
| 1043 | Lotten, eine unvermeidliche Gesellschaft hielt mich ab. Was war zu tun? Ich |
| 1044 | schickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menschen um mich zu haben, der ihr |
| 1045 | heute nahe gekommen wäre. Mit welcher Ungeduld ich ihn erwartete, mit welcher |
| 1046 | Freude ich ihn wiedersah! Ich hätte ihn gern beim Kopfe genommen und geküsst, wenn |
| 1047 | ich mich nicht geschämt hätte. |
| 1048 | |
| 1049 | Man erzählt von dem Bononischen Steine, dass er, wenn man ihn in die Sonne |
| 1050 | legt, ihre Strahlen anzieht und eine Weile bei Nacht leuchtet. So war mir's mit |
| 1051 | dem Burschen. Das Gefühl, dass ihre Augen auf seinem Gesichte, seinen Backen, |
| 1052 | seinen Rockknöpfen und dem Kragen am Surtout geruht hatten, machte mir das alles |
| 1053 | so heilig, so wert! Ich hätte in dem Augenblick den Jungen nicht um tausend |
| 1054 | Taler gegeben. Es war mir so wohl in seiner Gegenwart.—bewahre dich Gott, dass du |
| 1055 | darüber lachest. Wilhelm, sind das Phantome, wenn es uns wohl ist? |
| 1056 | |
| 1057 | Den 19. Julius |
| 1058 | |
| 1059 | "Ich werde sie sehen!" ruf' ich morgens aus, wenn ich mich ermuntere und mit |
| 1060 | aller Heiterkeit der schönen Sonne entgegenblicke; "ich werde sie sehen!" und da |
| 1061 | habe ich für den ganzen Tag keinen Wunsch weiter. Alles, alles verschlingt sich |
| 1062 | in dieser Aussicht. |
| 1063 | |
| 1064 | Eure Idee will noch nicht die meinige werden, dass ich mit dem Gesandten nach |
| 1065 | *** gehen soll. Ich liebe die Subordination nicht sehr, und wir wissen alle, |
| 1066 | dass der Mann noch dazu ein widriger Mensch ist. Meine Mutter möchte mich gern |
| 1067 | in Aktivität haben, sagst du, das hat mich zu lachen gemacht. Bin ich jetzt |
| 1068 | nicht auch aktiv, und ist's im Grunde nicht einerlei, ob ich Erbsen zähle oder |
| 1069 | Linsen? Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der |
| 1070 | um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes |
| 1071 | Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein Tor. |
| 1072 | |
| 1073 | Am 24. Julius |
| 1074 | |
| 1075 | Da dir so sehr daran gelegen ist, dass ich mein Zeichnen nicht vernachlässige, |
| 1076 | möchte ich lieber die ganze Sache übergehen als dir sagen, dass zeither wenig |
| 1077 | getan wird. |
| 1078 | |
| 1079 | Noch nie war ich glücklicher, noch nie war meine Empfindung an der Natur, bis |
| 1080 | aufs Steinchen, aufs Gräschen herunter, voller und inniger, und doch—ich weiss |
| 1081 | nicht, wie ich mich ausdrücken soll, meine vorstellende Kraft ist so schwach, |
| 1082 | alles schwimmt und schwankt so vor meiner Seele, dass ich keinen Umriss packen |
| 1083 | kann; aber ich bilde mir ein, wenn ich Ton hätte oder Wachs, so wollte ich's |
| 1084 | wohl herausbilden. Ich werde auch Ton nehmen, wenn's länger währt, und kneten, |
| 1085 | uns sollten's Kuchen werden! |
| 1086 | |
| 1087 | Lottens Porträt habe ich dreimal angefangen, und habe mich dreimal prostituiert; |
| 1088 | das mich um so mehr verdriesst, weil ich vor einiger Zeit sehr glücklich im |
| 1089 | Treffen war. Darauf habe ich denn ihren Schattenriss gemacht, und damit soll mir |
| 1090 | g'nügen. |
| 1091 | |
| 1092 | Ja, liebe Lotte, ich will alles besorgen und bestellen; geben Sie mir nur mehr |
| 1093 | Aufträge, nur recht oft. Um eins bitte ich Sie: keinen Sand mehr auf die Zettelchen, |
| 1094 | die Sie mir schreiben. Heute führte ich es schnell nach der Lippe, und die |
| 1095 | Zähne knisterten mir. |
| 1096 | |
| 1097 | Am 26. Julius |
| 1098 | |
| 1099 | Ich habe mir schon manchmal vorgenommen, sie nicht so oft zu sehn. Ja wer das |
| 1100 | halten könnte! Alle Tage unterlieg' ich der Versuchung und verspreche mir heilig: |
| 1101 | morgen willst du einmal wegbleiben. Und wenn der Morgen kommt, finde ich doch |
| 1102 | wieder eine unwiderstehliche Ursache, und ehe ich mich's versehe, bin ich bei |
| 1103 | ihr. Entweder sie hat des Abends gesagt: "Sie kommen doch morgen?"—wer könnte |
| 1104 | da wegbleiben? Oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde schicklich, ihr |
| 1105 | selbst die Antwort zu bringen; oder der Tag ist gar zu schön, ich gehe nach |
| 1106 | Wahlheim, und wenn ich nun da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu ihr!—ich bin |
| 1107 | zu nah in der Atmosphäre—zuck! So bin ich dort. Meine Grossmutter hatte ein |
| 1108 | Märchen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zu nahe kamen, wurden auf einmal alles |
| 1109 | Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten |
| 1110 | zwischen den übereinander stürzenden Brettern. |
| 1111 | |
| 1112 | Am 30. Julius |
| 1113 | |
| 1114 | Albert ist angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beste, der edelste |
| 1115 | Mensch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu stellen bereit wäre, so |
| 1116 | wär's unerträglich, ihn vor meinem Angesicht im Besitz so vieler Vollkommenheit |
| 1117 | zu sehen.—Besitz!—genug, Wilhelm, der Bräutigam ist da! Ein braver, lieber |
| 1118 | Mann, dem man gut sein muss. Glücklicherweise war ich nicht beim Empfange! Das |
| 1119 | hätte mir das Herz zerrissen. Auch ist er so ehrlich und hat Lotten in meiner |
| 1120 | Gegenwart noch nicht ein einzigmal geküsst. Das lohn' ihm Gott! Um des Respekts |
| 1121 | willen, den er vor dem Mädchen hat, muss ich ihn lieben. Er will mir wohl, und ich |
| 1122 | vermute, das ist Lottens Werk mehr als seiner eigenen Empfindung; denn darin sind |
| 1123 | die Weiber fein und haben recht; wenn sie zwei Verehrer in gutem Vernehmen mit |
| 1124 | einander erhalten können, ist der Vorteil immer ihr, so selten es auch angeht. |
| 1125 | |
| 1126 | Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen. Seine gelassene Aussenseite |
| 1127 | sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab, die sich nicht |
| 1128 | verbergen lässt. Er hat viel Gefühl und weiss, was er an Lotten hat. Erscheint wenig |
| 1129 | üble Laune zu haben, und du weisst, das ist die Sünde, die ich ärger hasse am |
| 1130 | Menschen als alle andre. |
| 1131 | |
| 1132 | Er hält mich für einen Menschen von Sinn; und meine Anhänglichkeit zu Lotten, |
| 1133 | meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe, vermehrt seinen |
| 1134 | Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sie nicht einmal mit keiner |
| 1135 | Eifersüchtelei peinigt, das lasse ich dahingestellt sein, wenigstens würd' ich an seinem |
| 1136 | Platz nicht ganz sicher vor diesem Teufel bleiben. |
| 1137 | |
| 1138 | Dem sei nun wie ihm wolle, meine Freude, bei Lotten zu sein, ist hin. |
| 1139 | Soll ich das Torheit nennen oder Verblendung?—was braucht's Namen! |
| 1140 | Erzählt die Sache an sich!—ich wusste alles, was ich jetzt weiss, ehe |
| 1141 | Albert kam; ich wusste, dass ich keine Prätension an sie zu machen hatte, |
| 1142 | machte auch keine—das heisst, insofern es möglich ist, bei so viel |
| 1143 | Liebenswürdigkeit nicht zu begehren—und jetzt macht der Fratze grosse |
| 1144 | Augen, da der andere nun wirklich kommt und ihm das Mädchen wegnimmt. |
| 1145 | |
| 1146 | Ich beisse die Zähne auf einander und spott über mein Elend, und spottete derer |
| 1147 | doppelt und dreifach, die sagen könnten, ich sollte mich resignieren, und weil es |
| 1148 | nun einmal nicht anders sein könnte. —schafft mir diese Strohmänner vom |
| 1149 | Halse!—ich laufe in den Wäldern herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert bei |
| 1150 | ihr sitzt im Gärtchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, so bin ich |
| 1151 | ausgelassen närrisch und fange viel Possen, viel verwirrtes Zeug an. —"um Gottes |
| 1152 | willen", sagte mir Lotte heut, "ich bitte Sie, keine Szene wie die von gestern |
| 1153 | abend! Sie sind fürchterlich, wenn Sie so lustig sind".—Unter uns, ich passe die |
| 1154 | Zeit ab, wenn er zu tun hat; wutsch! Bin ich drauss, und da ist mir's immer |
| 1155 | wohl, wenn ich sie allein finde. |
| 1156 | |
| 1157 | Am 8. August |
| 1158 | |
| 1159 | Ich bitte dich, lieber Wilhelm, es war gewiss nicht auf dich geredet, wenn ich |
| 1160 | die Menschen unerträglich schalt, die von uns Ergebung in unvermeidliche |
| 1161 | Schicksale fordern. Ich dachte wahrlich nicht daran, dass du von ähnlicher Meinung |
| 1162 | sein könntest. Und im Grunde hast du recht. Nur eins, mein Bester! In der Welt |
| 1163 | ist es sehr selten mit dem Entweder-Oder getan; die Empfindungen und |
| 1164 | Handlungsweisen schattieren sich so mannigfaltig, als Abfälle zwischen einer Habichts—und |
| 1165 | Stumpfnase sind. |
| 1166 | |
| 1167 | Du wirst mir also nicht übelnehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument |
| 1168 | einräume und mich doch zwischen dem Entweder-Oder durchzustehlen suche. |
| 1169 | |
| 1170 | Entweder, sagst du, hast du Hoffnung auf Lotten, oder du hast keine. Gut, im ersten |
| 1171 | Fall suche sie durchzutreiben, suche die Erfüllung deiner Wünsche zu umfassen: |
| 1172 | im anderen Fall ermanne dich und suche einer elenden Empfindung los zu |
| 1173 | werden, die alle deine Kräfte verzehren muss.—Bester! Das ist wohl gesagt, und—bald |
| 1174 | gesagt. |
| 1175 | |
| 1176 | Und kannst du von dem Unglücklichen, dessen Leben unter einer schleichenden |
| 1177 | Krankheit unaufhaltsam allmählich abstirbt, kannst du von ihm verlangen, er solle |
| 1178 | durch einen Dolchstoss der Qual auf einmal ein Ende machen? Und raubt das Übel, |
| 1179 | das ihm die Kräfte verzehrt, ihm nicht auch zugleich den Mut, sich davon zu |
| 1180 | befreien? |
| 1181 | |
| 1182 | Zwar könntest du mir mit einem verwandten Gleichnisse antworten: wer liesse sich |
| 1183 | nicht lieber den Arm abnehmen, als dass er durch Zaudern und Zagen sein Leben |
| 1184 | aufs Spiel setzte?—Ich weiss nicht!—Und wir wollen uns nicht in Gleichnissen |
| 1185 | herumbeissen. Genug—ja, Wilhelm, ich habe manchmal so einen Augenblick aufspringenden, |
| 1186 | abschüttelnden Muts, und da—wenn ich nur wüsste wohin, ich ginge wohl. |
| 1187 | |
| 1188 | Abends |
| 1189 | |
| 1190 | Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlässiget, fiel mir heut wieder |
| 1191 | in die Hände, und ich bin erstaunt, wie ich so wissentlich in das alles, |
| 1192 | Schritt vor Schritt, hineingegangen bin! Wie ich über meinen Zustand immer so klar |
| 1193 | gesehen und doch gehandelt habe wie ein Kind, jetzt noch so klar sehe, und es noch |
| 1194 | keinen Anschein zur Besserung hat. |
| 1195 | |
| 1196 | Am 10. August |
| 1197 | |
| 1198 | Ich könnte das beste, glücklichste Leben führen, wenn ich nicht ein Tor wäre. |
| 1199 | So schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht, eines Menschen Seele zu |
| 1200 | ergetzen, als die sind, in denen ich mich jetzt befinde. Ach so gewiss ist's, dass |
| 1201 | unser Herz allein sein Glück macht. —ein Glied der liebenswürdigen Familie zu |
| 1202 | sein, von dem Alten geliebt zu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein |
| 1203 | Vater, und von Lotten! —dann der ehrliche Albert, der durch keine launische Unart |
| 1204 | mein Glück stört; der mich mit herzlicher Freundschaft umfasst; dem ich nach |
| 1205 | Lotten das Liebste auf der Welt bin!—Wilhelm, es ist eine Freude, uns zu hören, |
| 1206 | wenn wir spazierengehen und uns einander von Lotten unterhalten: es ist in der |
| 1207 | Welt nichts Lächerlichers erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch |
| 1208 | kommen mir oft darüber die Tränen in die Augen. |
| 1209 | |
| 1210 | Wenn er mir von ihrer rechtschaffenen Mutter erzählt: wie sie auf ihrem |
| 1211 | Todbette Lotten ihr Haus und ihre Kinder übergeben und ihm Lotten anbefohlen habe, |
| 1212 | wie seit der Zeit ein ganz anderer Geist Lotten belebt habe, wie sie, in der |
| 1213 | Sorge für ihre Wirtschaft und in dem Ernste, eine wahre Mutter geworden, wie |
| 1214 | kein Augenblick ihrer Zeit ohne tätige Liebe, ohne Arbeit verstrichen, und |
| 1215 | dennoch ihre Munterkeit, ihr leichter Sinn sie nie dabei verlassen habe.—Ich gehe |
| 1216 | so neben ihm hin und pflücke Blumen am Wege, füge sie sehr sorgfältig in |
| 1217 | einen Strauss und—werfe sie in den vorüberfliessenden Strom und sehe ihnen nach, |
| 1218 | wie sie leise hinunterwallen.—Ich weiss nicht, ob ich dir geschrieben habe, dass |
| 1219 | Albert hier bleiben und ein Amt mit einem artigen Auskommen vom Hofe erhalten |
| 1220 | wird, wo er sehr beliebt ist. In Ordnung und Emsigkeit in Geschäften habe ich |
| 1221 | wenig seinesgleichen gesehen. |
| 1222 | |
| 1223 | Am 12. August |
| 1224 | |
| 1225 | Gewiss, Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel. Ich habe gestern eine |
| 1226 | wunderbare Szene mit ihm gehabt. Ich kam zu ihm, um Abschied von ihm zu nehmen; denn |
| 1227 | mich wandelte die Lust an, ins Gebirge zu reiten, von woher ich dir auch jetzt |
| 1228 | schreibe, und wie ich in der Stube auf und ab gehe, fallen mir seine Pistolen in die |
| 1229 | Augen.—"Borge mir die Pistolen", sagte ich, "zu meiner Reise".—"Meinetwegen", sagte er, |
| 1230 | "wenn du dir die Mühe nehmen willst, sie zu laden; bei mir hängen sie nur pro |
| 1231 | forma".—Ich nahm eine herunter, und er fuhr fort: "seit mir meine Vorsicht einen so |
| 1232 | unartigen Streich gespielt hat, mag ich mit dem Zeuge nichts mehr zu tun haben".—Ich |
| 1233 | war neugierig, die Geschichte zu wissen.—"Ich hielt mich", erzählte er, "wohl |
| 1234 | ein Vierteljahr auf dem Lande bei einem Freunde auf, hatte ein paar Terzerolen |
| 1235 | ungeladen und schlief ruhig. Einmal an einem regnichten Nachmittage, da ich müssig |
| 1236 | sitze, weiss ich nicht, wie mir einfällt: wir könnten überfallen werden, wir |
| 1237 | könnten die Terzerolen nötig haben und könnten—du weisst ja, wie das ist.—ich gab |
| 1238 | sie dem Bedienten, sie zu putzen und zu laden; und der dahlt mit den Mädchen, |
| 1239 | will sie schrecken, und Gott weiss wie, das Gewehr geht los, da der Ladstock |
| 1240 | noch drin steckt, und schiesst den Ladstock einem Mädchen zur Maus herein an der |
| 1241 | rechten Hand und zerschlägt ihr den Daumen. Da hatte ich das Lamentieren, und die |
| 1242 | Kur zu bezahlen obendrein, und seit der Zeit lass' ich alles Gewehr ungeladen. |
| 1243 | Lieber Schatz, was ist Vorsicht? Die Gefahr lässt sich nicht auslernen! Zwar.—Nun |
| 1244 | weisst du, dass ich den Menschen sehr lieb habe bis auf seine Zwar; denn versteht |
| 1245 | sich's nicht von selbst, dass jeder allgemeine Satz Ausnahmen leidet? Aber so |
| 1246 | rechtfertig ist der Mensch! Wenn er glaubt, etwas Übereiltes, Allgemeines, Halbwahres |
| 1247 | gesagt zu haben, so hört er dir nicht auf zu limitieren, zu modifizieren und |
| 1248 | ab—und zuzutun, bis zuletzt gar nichts mehr an der Sache ist. |
| 1249 | |
| 1250 | Und bei diesem Anlass kam er sehr tief in Text: ich hörte endlich gar nicht |
| 1251 | weiter auf ihn, verfiel in Grillen, und mit einer auffahrenden Gebärde drückte |
| 1252 | ich mir die Mündung der Pistole übers rechte Aug' an die Stirn.—"Pfui!" sagte |
| 1253 | Albert, indem er mir die Pistole herabzog, "was soll das?"—"Sie ist nicht |
| 1254 | geladen", sagte ich.—"Und auch so, was soll's?" versetzte er ungeduldig. "Ich kann |
| 1255 | mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so töricht sein kann, sich zu erschiessen; |
| 1256 | der blosse Gedanke erregt mir Widerwillen". |
| 1257 | |
| 1258 | "Dass ihr Menschen", rief ich aus, "um von einer Sache zu reden, gleich sprechen |
| 1259 | müsst: 'das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös!' und was will |
| 1260 | das alles heissen? Habt ihr deswegen die innern Verhältnisse einer Handlung |
| 1261 | erforscht? Wisst ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah, |
| 1262 | warum sie geschehen musste? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit |
| 1263 | euren Urteilen sein". "Du wirst mir zugeben", sagte Albert, "dass gewisse |
| 1264 | Handlungen lasterhaft bleiben, sie mögen geschehen, aus welchem Beweggrunde sie |
| 1265 | wollen". Ich zuckte die Achseln und gab's ihm zu.—"Doch, mein Lieber", fuhr ich |
| 1266 | fort, "finden sich auch hier einige Ausnahmen. Es ist wahr, der Diebstahl ist |
| 1267 | ein Laster: aber der Mensch, der, um sich und die Seinigen vom gegenwärtigen |
| 1268 | Hungertode zu erretten, auf Raub ausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe? Wer |
| 1269 | hebt den ersten Stein auf gegen den Ehemann, der im gerechten Zorne sein |
| 1270 | untreues Weib und ihren nichtswürdigen Verführer aufopfert? Gegen das Mädchen, das |
| 1271 | in einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden der Liebe |
| 1272 | verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltblütigen Pedanten, lassen sich rühren und |
| 1273 | halten ihre Strafe zurück". |
| 1274 | |
| 1275 | "Das ist ganz was anders", versetzte Albert, "weil ein Mensch, den seine |
| 1276 | Leidenschaften hinreissen, alle Besinnungskraft verliert und als ein Trunkener, als ein |
| 1277 | Wahnsinniger angesehen wird". "Ach ihr vernünftigen Leute!" rief ich lächelnd aus. |
| 1278 | "Leidenschaft! Trunkenheit! Wahnsinn! Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnehmung da, ihr |
| 1279 | sittlichen Menschen, scheltet den Trinker, verabscheut den Unsinnigen, geht vorbei |
| 1280 | wie der Priester und dankt Gott wie der Pharisäer, dass er euch nicht gemacht |
| 1281 | hat wie einen von diesen. Ich bin mehr als einmal trunken gewesen, meine |
| 1282 | Leidenschaften waren nie weit vom Wahnsinn, und beides reut mich nicht: denn ich habe in |
| 1283 | einem Masse begreifen lernen, wie man alle ausserordentlichen Menschen, die etwas |
| 1284 | Grosses, etwas Unmöglichscheinendes wirkten, von jeher für Trunkene und Wahnsinnige |
| 1285 | ausschreiten musste. Aber auch im gemeinen Leben ist's unerträglich, fast einem jeden |
| 1286 | bei halbweg einer freien, edlen, unerwarteten Tat nachrufen zu hören: ' der |
| 1287 | Mensch ist trunken, der ist närrisch!' Schämt euch, ihr Nüchternen! Schämt euch, |
| 1288 | ihr Weisen!" "Das sind nun wieder von deinen Grillen", sagte Albert, "du |
| 1289 | überspannst alles und hast wenigstens hier gewiss unrecht, dass du den Selbstmord, wovon |
| 1290 | jetzt die Rede ist, mit grossen Handlungen vergleichst: da man es doch für nichts |
| 1291 | anders als eine Schwäche halten kann. Denn freilich ist es leichter zu sterben, |
| 1292 | als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen". Ich war im Begriff |
| 1293 | abzubrechen; denn kein Argument bringt mich so aus der Fassung, als wenn einer mit |
| 1294 | einem unbedeutenden Gemeinspruche angezogen kommt, wenn ich aus ganzem Herzen |
| 1295 | rede. |
| 1296 | |
| 1297 | Doch fasste ich mich, weil ich's schon oft gehört und mich öfter darüber |
| 1298 | geärgert hatte, und versetzte ihm mit einiger Lebhaftigkeit: "Du nennst das |
| 1299 | Schwäche? Ich bitte dich, lass dich vom Anscheine nicht verführen. Ein Volk, das |
| 1300 | unter dem unerträglichen Joch eines Tyrannen seufzt, darfst du das schwach |
| 1301 | heissen, wenn es endlich aufgärt und seine Ketten zerreisst? Ein Mensch, der über |
| 1302 | dem Schrecken, dass Feuer sein Haus ergriffen hat, alle Kräfte gespannt fühlt |
| 1303 | und mit Leichtigkeit Lasten wegträgt, die er bei ruhigem Sinne kaum bewegen |
| 1304 | kann; einer, der in der Wut der Beleidigung es mit sechsen aufnimmt und sie |
| 1305 | überwältig, sind die schwach zu nennen? Und, mein Guter, wenn Anstrengung Stärke ist, |
| 1306 | warum soll die Überspannung das Gegenteil sein?"—Albert sah mich an und sagte: |
| 1307 | "nimm mir's nicht übel, die Beispiele, die du gibst, scheinen hieher gar nicht |
| 1308 | zu gehören".—"Es mag sein", sagte ich, "man hat mir schon öfters vorgeworfen, |
| 1309 | dass meine Kombinationsart manchmal an Radotage grenze. Lasst uns denn sehen, ob |
| 1310 | wir uns auf eine andere Weise vorstellen können, wie dem Menschen zu Mute sein |
| 1311 | mag, der sich entschliesst, die sonst angenehme Bürde des Lebens abzuwerfen. |
| 1312 | Denn nur insofern wir mitempfinden, haben wir die Ehre, von einer Sache zu |
| 1313 | reden". |
| 1314 | |
| 1315 | "Die menschliche Natur", fuhr ich fort, "hat ihre Grenzen: sie kann Freude, |
| 1316 | Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald |
| 1317 | der überstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder |
| 1318 | stark ist, sondern ob er das Mass seines Leidens ausdauern kann, es mag nun |
| 1319 | moralisch oder körperlich sein. Und ich finde es ebenso wunderbar zu sagen, der |
| 1320 | Mensch ist feige, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen |
| 1321 | Feigen zu nennen, der an einem bösartigen Fieber stirbt". |
| 1322 | |
| 1323 | "Paradox! Sehr paradox!" rief Albert aus.—"Nicht so sehr, als du denkst", versetzte |
| 1324 | ich. "Du gibst mir zu, wir nennen das eine Krankheit zum Tode, wodurch die |
| 1325 | Natur so angegriffen wird, dass teils ihre Kräfte verzehrt, teils so ausser |
| 1326 | Wirkung gesetzt werden, dass sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine |
| 1327 | glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen fähig |
| 1328 | ist. |
| 1329 | |
| 1330 | Nun, mein Lieber, lass uns das auf den Geist anwenden. Sieh den |
| 1331 | Menschen an in seiner Eingeschränktheit, wie Eindrücke auf ihn wirken, |
| 1332 | Ideen sich bei ihm festsetzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaft |
| 1333 | ihn aller ruhigen Sinneskraft beraubt und ihn zugrunde richtet. |
| 1334 | |
| 1335 | Vergebens, dass der gelassene, vernünftige Mensch den Zustand Unglücklichen übersieht, |
| 1336 | vergebens, dass er ihm zuredet! Ebenso wie ein Gesunder, der am Bette des Kranken |
| 1337 | steht, ihm von seinen Kräften nicht das geringste einflössen kann". |
| 1338 | |
| 1339 | Alberten war das zu allgemein gesprochen. Ich erinnerte ihn an ein Mädchen, das man |
| 1340 | vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden, und wiederholte ihm ihre |
| 1341 | Geschichte.—"Ein gutes, junges Geschöpf, das in dem engen Kreise häuslicher |
| 1342 | Beschäftigungen, wöchentlicher bestimmter Arbeit herangewachsen war, das weiter keine |
| 1343 | Aussicht von Vergnügen kannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach |
| 1344 | zusammengeschafften Putz mit ihresgleichen um die Stadt spazierenzugehen, vielleicht alle |
| 1345 | hohen Feste einmal zu tanzen und übrigens mit aller Lebhaftigkeit des |
| 1346 | herzlichsten Anteils manche Stunde über den Anlass eines Gezänkes, einer übeln Nachrede |
| 1347 | mit einer Nachbarin zu verplaudern—deren feurige Natur fühlt nun endlich |
| 1348 | innigere Bedürfnisse, die durch die Schmeicheleien der Männer vermehrt werden; ihre |
| 1349 | vorigen Freuden werden ihr nach und nach unschmackhaft, bis sie endlich einen |
| 1350 | Menschen antrifft, zu dem ein unbekanntes Gefühl sie unwiderstehlich hinreisst, auf |
| 1351 | den sie nun alle ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um sich vergisst, nichts |
| 1352 | hört, nichts sieht, nichts fühlt als ihn, den Einzigen, sich nur sehnt nach ihm, |
| 1353 | dem Einzigen. Durch die leeren Vergnügungen einer unbeständigen Eitelkeit |
| 1354 | nicht verdorben, zieht ihr Verlangen gerade nach dem Zweck, sie will die Seinige |
| 1355 | werden, sie will in ewiger Verbindung all das Glück antreffen, das ihr mangelt, |
| 1356 | die Vereinigung aller Freuden geniessen, nach denen sie sich sehnte. |
| 1357 | Wiederholtes Versprechen, das ihr die Gewissheit aller Hoffnungen versiegelt, kühne |
| 1358 | Liebkosungen, die ihre Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele; sie schwebt in |
| 1359 | einem dumpfen Bewusstsein, in einem Vorgefühl aller Freuden, sie ist bis auf den |
| 1360 | höchsten Grad gespannt, sie streckt endlich ihre Arme aus, all ihre Wünsche zu |
| 1361 | umfassen—und ihr Geliebter verlässt sie.—Erstarrt, ohne Sinne steht sie vor einem |
| 1362 | Abgrunde; alles ist Finsternis um sie her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung! |
| 1363 | Denn der hat sie verlassen, in dem sie allein ihr Dasein fühlte. Sie sieht |
| 1364 | nicht die weite Welt, die vor ihr liegt, nicht die vielen, die ihr den Verlust |
| 1365 | ersetzen könnten, sie fühlt sich allein, verlassen von aller Welt,—und blind, in |
| 1366 | die Enge gepresst von der entsetzlichen Not ihres Herzens, stürzt sie sich |
| 1367 | hinunter, um in einem rings umfangenden Tode alle ihre Qualen zu ersticken.—Sieh, |
| 1368 | Albert, das ist die Geschichte so manches Menschen! Und sag', ist das nicht der |
| 1369 | Fall der Krankheit? Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der |
| 1370 | verworrenen und widersprechenden Kräfte, und der Mensch muss sterben. Wehe dem, der |
| 1371 | zusehen und sagen könnte: 'die Törin! Hätte sie gewartet, hätte sie die Zeit |
| 1372 | wirken lassen, die Verzweifelung würde sich schon gelegt, es würde sich schon ein |
| 1373 | anderer sie zu trösten vorgefunden haben.'—Das ist eben, als wenn einer sagte: |
| 1374 | 'der Tor, stirbt am Fieber! Hätte er gewartet, bis seine Kräfte sich erholt, |
| 1375 | seine Säfte sich verbessert, der Tumult seines Blutes sich gelegt hätten: alles |
| 1376 | wäre gut gegangen, und er lebte bis auf den heutigen Tag! '" |
| 1377 | |
| 1378 | Albert, dem die Vergleichung noch nicht anschaulich war, wandte noch einiges ein, |
| 1379 | und unter andern: ich hätte nur von einem einfältigen Mädchen gesprochen; wie |
| 1380 | aber ein Mensch von Verstande, der nicht so eingeschränkt sei, der mehr |
| 1381 | Verhältnisse übersehe, zu entschuldigen sein möchte, könne er nicht begreifen.—"Mein |
| 1382 | Freund", rief ich aus, "der Mensch ist Mensch, und das bisschen Verstand, das einer |
| 1383 | haben mag, kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wütet und die |
| 1384 | Grenzen der Menschheit einen drängen. Vielmehr—ein andermal davon", sagte ich und |
| 1385 | griff nach meinem Hute. O mir war das Herz so voll—und wir gingen auseinander, |
| 1386 | ohne einander verstanden zu haben. Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den |
| 1387 | andern versteht. |
| 1388 | |
| 1389 | Am 15. August |
| 1390 | |
| 1391 | Es ist doch gewiss, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht als |
| 1392 | die Liebe. Ich fühl's an Lotten, dass sie mich ungern verlöre, und die Kinder |
| 1393 | haben keinen andern Begriff, als dass ich immer morgen wiederkommen würde. Heute |
| 1394 | war ich hinausgegangen, Lottens Klavier zu stimmen, ich konnte aber nicht dazu |
| 1395 | kommen, denn die Kleinen verfolgten mich um ein Märchen, und Lotte sagte selbst, |
| 1396 | ich sollte ihnen den Willen tun. Ich schnitt ihnen das Abendbrot, das sie nun |
| 1397 | fast so gern von mir als von Lotten annehmen, und erzählte ihnen das |
| 1398 | Hauptstückchen von der Prinzessin, die von Händen bedient wird. Ich lerne viel dabei, das |
| 1399 | versichre ich dich, und ich bin erstaunt, was es auf sie für Eindrücke macht. Weil |
| 1400 | ich manchmal einen Inzidentpunkt erfinden muss, den ich beim zweitenmal |
| 1401 | vergesse, sagen sie gleich, das vorigemal wär' es anders gewesen, so dass ich mich |
| 1402 | jetzt übe, sie unveränderlich in einem singenden Silbenfall an einem Schnürchen |
| 1403 | weg zu rezitieren. Ich habe daraus gelernt, wie ein Autor durch eine zweite, |
| 1404 | veränderte Ausgabe seiner Geschichte, und wenn sie poetisch noch so besser geworden |
| 1405 | wäre, notwendig seinem Buche schaden muss. Der erste Eindruck findet uns willig, |
| 1406 | und der Mensch ist gemacht, dass man ihn das Abenteuerlichste überreden kann; |
| 1407 | das haftet aber auch gleich so fest, und wehe dem, der es wieder auskratzen |
| 1408 | und austilgen will! |
| 1409 | |
| 1410 | Am 18. August |
| 1411 | |
| 1412 | Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder |
| 1413 | die Quelle seines Elendes würde? |
| 1414 | |
| 1415 | Das volle, warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit |
| 1416 | so vieler Wonne überströmte, das rings umher die Welt mir zu einem Paradiese |
| 1417 | schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger, zu einem quälenden Geist, |
| 1418 | der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich sonst vom Felsen über den Fluss bis |
| 1419 | zu jenen Hügeln das fruchtbare Tal überschaute und alles um mich her keimen |
| 1420 | und quellen sah; wenn ich jene Berge, vom Fusse bis auf zum Gipfel, mit hohen, |
| 1421 | dichten Bäumen bekleidet, jene Täler in ihren mannigfaltigen Krümmungen von den |
| 1422 | lieblichsten Wäldern beschattet sah, und der sanfte Fluss zwischen den lispelnden Rohren |
| 1423 | dahingleitete und die lieben Wolken abspiegelte, die der sanfte Abendwind am Himmel |
| 1424 | herüberwiegte; wenn ich dann die Vögel um mich den Wald beleben hörte, und die Millionen |
| 1425 | Mückenschwärme im letzten roten Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr letzter |
| 1426 | zuckender Blick den summenden Käfer aus seinem Grase befreite, und das Schwirren und |
| 1427 | Weben um mich her mich auf den Boden aufmerksam machte, und das Moos, das meinem |
| 1428 | harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und das Geniste, das den dürren Sandhügel |
| 1429 | hinunter wächst, mir das innere, glühende, heilige Leben der Natur eröffnete: wie |
| 1430 | fasste ich das alles in mein warmes Herz, fühlte mich in der überfliessenden Fülle |
| 1431 | wie vergöttert, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten |
| 1432 | sich allbelebend in meiner Seele. Ungeheure Berge umgaben mich, Abgründe lagen |
| 1433 | vor mir, und Wetterbäche stürzten herunter, die Flüsse strömten unter mir, und |
| 1434 | Wald und Gebirg erklang; und ich sah sie wirken und schaffen ineinander in den |
| 1435 | Tiefen der Erde, alle die unergründlichen Kräfte; und nun über der Erde und unter |
| 1436 | dem Himmel wimmeln die Geschlechter der mannigfaltigen Geschöpfe. Alles, alles |
| 1437 | bevölkert mit tausendfachen Gestalten; und die Menschen dann sich in Häuslein |
| 1438 | zusammen sichern und sich annisten und herrschen in ihrem Sinne über die weite |
| 1439 | Welt! Armer Tor! Der du alles so gering achtest, weil du so klein bist.—vom |
| 1440 | unzugänglichen Gebirge über die Einöde, die kein Fuss betrat, bis ans Ende des unbekannten |
| 1441 | Ozeans weht der Geist des Ewigschaffenden und freut sich jedes Staubes, der ihn |
| 1442 | vernimmt und lebt.—ach damals, wie oft habe ich mich mit Fittichen eines Kranichs, |
| 1443 | der über mich hin flog, zu dem Ufer des ungemessenen Meeres gesehnt, aus dem |
| 1444 | schäumenden Becher des Unendlichen jene schwellende Lebenswonne zu trinken und nur |
| 1445 | einen Augenblick in der eingeschränkten Kraft meines Busens einen Tropfen der |
| 1446 | Seligkeit des Wesens zu fühlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt. |
| 1447 | |
| 1448 | Bruder, nur die Erinnerung jener Stunden macht mir wohl. Selbst diese Anstrengung, |
| 1449 | jene unsäglichen Gelüste zurückzurufen, wieder auszusprechen, hebt meine Seele |
| 1450 | über sich selbst und lässt mich dann das Bange des Zustandes doppelt empfinden, |
| 1451 | der mich jetzt umgibt. |
| 1452 | |
| 1453 | Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz |
| 1454 | des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen |
| 1455 | Grabes. Kannst du sagen: Das ist! Da alles vorübergeht? Da alles mit der |
| 1456 | Wetterschnelle vorüberrollt, so selten die ganze Kraft seines Daseins ausdauert, ach, in |
| 1457 | den Strom fortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird? Da ist |
| 1458 | kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her, kein |
| 1459 | Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist, sein musst; der harmloseste Spaziergang |
| 1460 | kostet tausend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fusstritt die mühseligen |
| 1461 | Gebäude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab. Ha! |
| 1462 | Nicht die grosse, seltne Not der Welt, diese Fluten, die eure Dörfer wegspülen, |
| 1463 | diese Erdbeben, die eure Städte verschlingen, rühren mich; mir untergräbt das |
| 1464 | Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt; die |
| 1465 | nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sich selbst zerstörte. Und |
| 1466 | so taumle ich beängstigt. Himmel und Erde und ihre webenden Kräfte um mich |
| 1467 | her: ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes |
| 1468 | Ungeheuer. |
| 1469 | |
| 1470 | Am 21. August |
| 1471 | |
| 1472 | Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus, morgens, wenn ich von schweren |
| 1473 | Träumen aufdämmere, vergebens suche ich sie nachts in meinem Bette, wenn mich ein |
| 1474 | glücklicher, unschuldiger Traum getäuscht hat, als säss' ich neben ihr auf der Wiese und |
| 1475 | hielt' ihre Hand und deckte sie mit tausend Küssen. Ach, wenn ich dann noch halb |
| 1476 | im Taumel des Schlafes nach ihr tappe und drüber mich ermuntere—ein Strom von |
| 1477 | Tränen bricht aus meinem gepressten Herzen, und ich weine trostlos einer finstern |
| 1478 | Zukunft entgegen. |
| 1479 | |
| 1480 | Am 22. August |
| 1481 | |
| 1482 | Es ist ein Unglück, Wilhelm, meine tätigen Kräfte sind zu einer unruhigen |
| 1483 | Lässigkeit verstimmt, ich kann nicht müssig sein und kann doch auch nichts tun. Ich |
| 1484 | habe keine Vorstellungskraft, kein Gefühl an der Natur, und die Bücher ekeln |
| 1485 | mich an. Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwöre dir, |
| 1486 | manchmal wünschte ich, ein Tagelöhner zu sein, um nur des Morgens beim Erwachen |
| 1487 | eine Aussicht auf den künftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben. Oft |
| 1488 | beneide ich Alberten, den ich über die Ohren in Akten begraben sehe, und bilde mir |
| 1489 | ein, mir wäre wohl, wenn ich an seiner Stelle wäre! Schon etlichemal ist mir's |
| 1490 | so aufgefahren, ich wollte dir schreiben und dem Minister, um die Stelle bei |
| 1491 | der Gesandtschaft anzuhalten, die, wie du versicherst, mir nicht versagt |
| 1492 | werden würde. Ich glaube es selbst. Der Minister liebt mich seit langer Zeit, |
| 1493 | hatte lange mir angelegen, ich sollte mich irgendeinem Geschäfte widmen; und |
| 1494 | eine Stunde ist mir's auch wohl drum zu tun. Hernach, wenn ich wieder dran |
| 1495 | denke und mir die Fabel vom Pferde einfällt, das, seiner Freiheit ungeduldig, |
| 1496 | sich Sattel und Zeug auflegen lässt und zuschanden geritten wird—ich weiss nicht, |
| 1497 | was ich soll.—und, mein Lieber! Ist nicht vielleicht das Sehnen in mir nach |
| 1498 | Veränderung des Zustands eine innere, unbehagliche Ungeduld, die mich überallhin |
| 1499 | verfolgen wird? |
| 1500 | |
| 1501 | Am 28. August |
| 1502 | |
| 1503 | Es ist wahr, wenn meine Krankheit zu heilen wäre, so würden diese Menschen es |
| 1504 | tun. Heute ist mein Geburtstag, und in aller Frühe empfange ich ein Päckchen |
| 1505 | von Alberten. Mir fällt beim Eröffnen sogleich eine der blassroten Schleifen in |
| 1506 | die Augen, die Lotte vor hatte, als ich sie kennen lernte, und um die ich sie |
| 1507 | seither etlichemal gebeten hatte. Es waren zwei Büchelchen in Duodez dabei, der |
| 1508 | kleine Wetsteinische Homer, eine Ausgabe, nach der ich so oft verlangt, um mich |
| 1509 | auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen nicht zu schleppen. Sieh! So kommen |
| 1510 | sie meinen Wünschen zuvor, so suchen sie alle die kleinen Gefälligkeiten der |
| 1511 | Freundschaft auf, die tausendmal werter sind als jene blendenden Geschenke, wodurch uns |
| 1512 | die Eitelkeit des Gebers erniedrigt. Ich küsse diese Schleife tausendmal, und |
| 1513 | mit jedem Atemzuge schlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mit |
| 1514 | denen mich jene wenigen, glücklichen, unwiederbringlichen Tage überfüllten. |
| 1515 | Wilhelm, es ist so, und ich murre nicht, die Blüten des Lebens sind nur |
| 1516 | Erscheinungen! Wie viele gehn vorüber, ohne eine Spur hinter sich zu lassen, wie wenige |
| 1517 | setzen Frucht an, und wie wenige dieser Früchte werden reif! Und doch sind deren |
| 1518 | noch genug da; und doch—o mein Bruder!—können wir gereifte Früchte |
| 1519 | vernachlässigen, verachten, ungenossen verfaulen lassen? |
| 1520 | |
| 1521 | Lebe wohl! Es ist ein herrlicher Sommer; ich sitze oft auf den Obstbäumen in |
| 1522 | Lottens Baumstück mit dem Obstbrecher, der langen Stange, und hole die Birnen aus |
| 1523 | dem Gipfel. Sie steht unten und nimmt sie ab, wenn ich sie ihr herunterlasse. |
| 1524 | |
| 1525 | Am 30. August |
| 1526 | |
| 1527 | Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? Betriegst du dich nicht selbst? Was soll diese |
| 1528 | tobende, endlose Leidenschaft? Ich habe kein Gebet mehr als an sie; meiner |
| 1529 | Einbildungskraft erscheint keine andere Gestalt als die ihrige, und alles in der Welt um |
| 1530 | mich her sehe ich nur im Verhältnisse mit ihr. Und das macht mir denn so manche |
| 1531 | glückliche Stunde—bis ich mich wieder von ihr losreissen muss! Ach Wilhelm! Wozu mich |
| 1532 | mein Herz oft drängt!—wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei, drei Stunden, und |
| 1533 | mich an ihrer Gestalt, an ihrem Betragen, an dem himmlischen Ausdruck ihrer |
| 1534 | Worte geweidet habe, und nun nach und nach alle meine Sinne aufgespannt werden, |
| 1535 | mir es düster vor den Augen wird, ich kaum noch höre, und es mich an die |
| 1536 | Gurgel fasst wie ein Meuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlägen den |
| 1537 | bedrängten Sinnen Luft zu machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt—Wilhelm, ich |
| 1538 | weiss oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und—wenn nicht manchmal die Wehmut das |
| 1539 | Übergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt, auf ihrer Hand meine |
| 1540 | Beklemmung auszuweinen,—so muss ich fort, muss hinaus, und schweife dann weit im Felde |
| 1541 | umher; einen jähen Berg zu klettern ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen |
| 1542 | Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen, durch |
| 1543 | die Dornen, die mich zerreissen! Da wird mir's etwas besser! Etwas! Und wenn |
| 1544 | ich vor Müdigkeit und Durst manchmal unterwegs liegen bleibe, manchmal in der |
| 1545 | tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir steht, im einsamen Walde auf einen |
| 1546 | krumm gewachsenen Baum mich setze, um meinen verwundeten Sohlen nur einige |
| 1547 | Linderung zu verschaffen, und dann in einer ermattenden Ruhe in dem Dämmerschein |
| 1548 | hinschlummre! O Wilhelm! Die einsame Wohnung einer Zelle, das härene Gewand und der |
| 1549 | Stachelgürtel wären Labsale, nach denen meine Seele schmachtet. Adieu! Ich sehe dieses |
| 1550 | Elendes kein Ende als das Grab. |
| 1551 | |
| 1552 | Am 3. September |
| 1553 | |
| 1554 | Ich muss fort! Ich danke dir, Wilhelm, dass du meinen wankenden |
| 1555 | Entschluss bestimmt hast. Schon vierzehn Tage gehe ich mit dem |
| 1556 | Gedanken um, sie zu verlassen. Ich muss fort. Sie ist wieder in der |
| 1557 | Stadt bei einer Freundin. Und Albert—und—ich muss fort! |
| 1558 | |
| 1559 | Am 10. September |
| 1560 | |
| 1561 | Das war eine Nacht! Wilhelm! Nun überstehe ich alles. Ich werde sie nicht |
| 1562 | wiedersehn! O dass ich nicht an deinen Hals fliegen, dir mit tausend Tränen und |
| 1563 | Entzückungen ausdrücken kann, mein Bester, die Empfindungen, die mein Herz bestürmen. |
| 1564 | Hier sitze ich und schnappe nach Luft, suche mich zu beruhigen, erwarte den |
| 1565 | Morgen, und mit Sonnenaufgang sind die Pferde bestellt. |
| 1566 | |
| 1567 | Ach, sie schläft ruhig und denkt nicht, dass sie mich nie wieder sehen wird. Ich |
| 1568 | habe mich losgerissen, bin stark genug gewesen, in einem Gespräch von zwei |
| 1569 | Stunden mein Vorhaben nicht zu verraten. Und Gott, welch ein Gespräch! |
| 1570 | |
| 1571 | Albert hatte mir versprochen, gleich nach dem Nachtessen mit Lotten im Garten zu |
| 1572 | sein. Ich stand auf der Terrasse unter den hohen Kastanienbäumen und sah der |
| 1573 | Sonne nach, die mir nun zum letztenmale über dem lieblichen Tale, über dem |
| 1574 | sanften Fluss unterging. So oft hatte ich hier gestanden mit ihr und eben dem |
| 1575 | herrlichen Schauspiele zugesehen, und nun—ich ging in der Allee auf und ab, die mir |
| 1576 | so lieb war; ein geheimer sympathetischer Zug hatte mich hier so oft |
| 1577 | gehalten, ehe ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als wir im Anfang |
| 1578 | unserer Bekanntschaft die wechselseitige Neigung zu diesem Plätzchen entdeckten, |
| 1579 | das wahrhaftig eins von den romantischsten ist, die ich von der Kunst |
| 1580 | hervorgebracht gesehen habe. |
| 1581 | |
| 1582 | Erst hast du zwischen den Kastanienbäumen die weite Aussicht—Ach, ich erinnere |
| 1583 | mich, ich habe dir, denk' ich, schon viel davon geschrieben, wie hohe |
| 1584 | Buchenwände einen endlich einschliessen und durch ein daranstossendes Boskett die Allee |
| 1585 | immer düsterer wird, bis zuletzt alles sich in ein geschlossenes Plätzchen |
| 1586 | endigt, das alle Schauer der Einsamkeit umschweben. Ich fühle es noch, wie |
| 1587 | heimlich mir's ward, als ich zum erstenmale an einem hohen Mittage hineintrat; ich |
| 1588 | ahnete ganz leise, was für ein Schauplatz das noch werden sollte von Seligkeit |
| 1589 | und Schmerz. |
| 1590 | |
| 1591 | Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den schmachtenden, süssen Gedanken des |
| 1592 | Abscheidens, des Wiedersehens geweidet, als ich sie die Terrasse heraufsteigen hörte. |
| 1593 | Ich lief ihnen entgegen, mit einem Schauer fasste ich ihre Hand und küsste sie. |
| 1594 | Wir waren eben heraufgetreten, als der Mond hinter dem buschigen Hügel |
| 1595 | aufging; wir redeten mancherlei und kamen unvermerkt dem düstern Kabinette näher. |
| 1596 | Lotte trat hinein und setzte sich, Albert neben sie, ich auch; doch meine Unruhe |
| 1597 | liess mich nicht lange sitzen; ich stand auf, trat vor sie, ging auf und ab, |
| 1598 | setzte mich wieder: es war ein ängstlicher Zustand. Sie machte uns aufmerksam auf |
| 1599 | die schöne Wirkung des Mondenlichtes, das am Ende der Buchenwände die ganze |
| 1600 | Terrasse vor uns erleuchtete: ein herrlicher Anblick, der um so viel frappanter |
| 1601 | war, weil uns rings eine tiefe Dämmerung einschloss. Wir waren still, und sie |
| 1602 | fing nach einer Weile an: "niemals gehe ich im Mondenlichte spazieren, niemals, |
| 1603 | dass mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete, dass nicht das |
| 1604 | Gefühl von Tod, von Zukunft über mich käme". "Wir werden sein!" fuhr sie mit der |
| 1605 | Stimme des herrlichsten Gefühls fort; "aber, Werther, sollen wir uns wieder |
| 1606 | finden? Wieder erkennen? Was ahnen Sie? Was sagen Sie?" |
| 1607 | |
| 1608 | "Lotte", sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augen voll Tränen |
| 1609 | wurden,"wir werden uns wiedersehn! Hier und dort wiedersehn!"—ich konnte nicht weiter |
| 1610 | reden—Wilhelm, musste sie mich das fragen, da ich diesen ängstlichen Abschied im Herzen |
| 1611 | hatte! |
| 1612 | |
| 1613 | "Und ob die lieben Abgeschiednen von uns wissen", fuhr sie fort, "ob sie |
| 1614 | fühlen, wann's uns wohl geht, dass wir mit warmer Liebe uns ihrer erinnern? O! Die |
| 1615 | Gestalt meiner Mutter schwebt immer um mich, wenn ich am stillen Abend unter ihren |
| 1616 | Kindern, unter meinen Kindern sitze und sie um mich versammelt sind, wie sie um sie |
| 1617 | versammelt waren. Wenn ich dann mit einer sehnenden Träne gen Himmel sehe und |
| 1618 | wünsche, dass sie hereinschauen könnte einen Augenblick, wie ich mein Wort halte, |
| 1619 | das ich ihr in der Stunde des Todes gab: die Mutter ihrer Kinder zu sein. Mit |
| 1620 | welcher Empfindung rufe ich aus: 'verzeihe mir's, Teuerste, wenn ich ihnen nicht |
| 1621 | bin, was du ihnen warst. Ach! Tue ich doch alles, was ich kann; sind sie doch |
| 1622 | gekleidet, genährt, ach, und, was mehr ist als das alles, gepflegt und geliebt. |
| 1623 | Könntest du unsere Eintracht sehen, liebe Heilige! Du würdest mit dem heissesten |
| 1624 | Danke den Gott verherrlichen, den du mit den letzten, bittersten Tränen um die |
| 1625 | Wohlfahrt deiner Kinder batest.'"—Sie sagte das! O Wilhelm, wer kann wiederholen, |
| 1626 | was sie sagte! Wie kann der kalte, tote Buchstabe diese himmlische Blüte des |
| 1627 | Geistes darstellen! Albert fiel ihr sanft in die Rede: "es greift zu stark an, |
| 1628 | liebe Lotte! Ich weiss, Ihre Seele hängt sehr nach diesen Ideen, aber ich bitte |
| 1629 | Sie".—"O Albert", sagte sie, "ich weiss, du vergissest nicht die Abende, da wir |
| 1630 | zusammensassen an dem kleinen, runden Tischchen, wenn der Papa verreist war, und wir die |
| 1631 | Kleinen schlafen geschickt hatten. Du hattest oft ein gutes Buch und kamst so |
| 1632 | selten dazu, etwas zu lesen—war der Umgang dieser herrlichen Seele nicht mehr als |
| 1633 | alles? Die schöne, sanfte, muntere und immer tätige Frau! Gott kennt meine |
| 1634 | Tränen, mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er möchte mich ihr |
| 1635 | gleich machen". |
| 1636 | |
| 1637 | "Lotte!" rief ich aus, indem ich mich vor sie hinwarf, ihre Hand nahm und mit |
| 1638 | tausend Tränen netzte, "Lotte! Der Segen Gottes ruht über dir und der Geist deiner |
| 1639 | Mutter!" "Wenn Sie sie gekannt hätten", sagte sie, indem sie mir die Hand |
| 1640 | drückte,—"sie war wert, von Ihnen gekannt zu sein!"—ich glaubte zu vergehen. |
| 1641 | |
| 1642 | Nie war ein grösseres, stolzeres Wort über mich ausgesprochen worden—und sie |
| 1643 | fuhr fort:"und diese Frau musste in der Blüte ihrer Jahre dahin, da ihr jüngster |
| 1644 | Sohn nicht sechs Monate alt war! Ihre Krankheit dauerte nicht lange; sie war |
| 1645 | ruhig, hingegeben, nur ihre Kinder taten ihr weh, besonders das kleine. Wie es |
| 1646 | gegen das Ende ging und sie zu mir sagte: 'bringe mir sie herauf!' und wie ich |
| 1647 | sie hereinführte, die kleinen, die nicht wussten, und die ältesten, die ohne |
| 1648 | Sinne waren, wie sie ums Bette standen, und wie sie die Hände aufhob und über |
| 1649 | sie betete, und sie küsste nach einander und sie wegschickte und zu mir sagte: |
| 1650 | 'sei ihre Mutter!'—Ich gab ihr die Hand drauf!—'Du versprichst viel, meine |
| 1651 | Tochter', sagte sie, 'das Herz einer Mutter und das Aug' einer Mutter. Ich habe oft |
| 1652 | an deinen dankbaren Tränen gesehen, dass du fühlst, was das sei. Habe es für |
| 1653 | deine Geschwister, und für deinen Vater die Treue und den Gehorsam einer Frau. |
| 1654 | Du wirst ihn trösten.'—Sie fragte nach ihm, er war ausgegangen, um uns den |
| 1655 | unerträglichen Kummer zu verbergen, den er fühlte, der Mann war ganz zerrissen. |
| 1656 | |
| 1657 | Albert, du warst im Zimmer. Sie hörte jemand gehn und fragte und forderte dich zu |
| 1658 | sich, und wie sie dich ansah und mich, mit dem getrösteten, ruhigen Blicke, dass |
| 1659 | wir glücklich sein, zusammen glücklich sein würden".—Albert fiel ihr um den |
| 1660 | Hals und küsste sie und rief: "wir sind es! Wir werden es sein!"—der ruhige |
| 1661 | Albert war ganz aus seiner Fassung, und ich wusste nichts von mir selber. |
| 1662 | "Werther", fing sie an, "und diese Frau sollte dahin sein! Gott! Wenn ich manchmal |
| 1663 | denke, wie man das Liebste seines Lebens wegtragen lässt, und niemand als die |
| 1664 | Kinder das so scharf fühlt, die sich noch lange beklagten, die schwarzen Männer |
| 1665 | hätten die Mama weggetragen! "sie stand auf, und ich ward erweckt und |
| 1666 | erschüttert, blieb sitzen und hielt ihre Hand.—"Wir wollen fort", sagte sie, "es wird |
| 1667 | Zeit".—Sie wollte ihre Hand zurückziehen, und ich hielt sie fester.—"wir werden uns |
| 1668 | wieder sehen" rief ich, "wir werden uns finden, unter allen Gestalten werden wir |
| 1669 | uns erkennen. Ich gehe", fuhr ich fort, "ich gehe willig, und doch, wenn ich |
| 1670 | sagen sollte auf ewig, ich würde es nicht aushalten. Leb' wohl, Lotte! Leb' |
| 1671 | wohl, Albert! Wir sehn uns wieder".—"Morgen, denke ich", versetzte sie |
| 1672 | scherzend.—Ich fühlte das Morgen! Ach, sie wusste nicht, als sie ihre Hand aus der meinen |
| 1673 | zog—Sie gingen die Allee hinaus, ich stand, sah ihnen nach im Mondscheine und warf |
| 1674 | mich an die Erde und weinte mich aus und sprang auf und lief auf die Terrasse |
| 1675 | hervor und sah noch dort unten im Schatten der hohen Lindenbäume ihr weisses Kleid |
| 1676 | nach der Gartentür schimmern, ich streckte meine Arme aus, und es verschwand. |
| 1677 | EOT; |
| 1678 | /* |
| 1679 | End of the Project Gutenberg EBook of Die Leiden des jungen Werther--Buch 1, by |
| 1680 | Johann Wolfgang von Goethe |
| 1681 | |
| 1682 | *** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER *** |
| 1683 | |
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| 1687 | |
| 1688 | Produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com |
| 1689 | with proofreading and correction by Dr. Mary Cicora, |
| 1690 | mcicora@yahoo.com. |
| 1691 | |
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| 1693 | will be renamed. |
| 1694 | |
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| 1745 | and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic |
| 1746 | works. See paragraph 1.E below. |
| 1747 | |
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| 1749 | or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project |
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| 1841 | Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments |
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| 1844 | returns. Royalty payments should be clearly marked as such and |
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| 1847 | the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." |
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| 1850 | you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he |
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| 1852 | License. You must require such a user to return or |
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| 1854 | and discontinue all use of and all access to other copies of |
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| 1859 | electronic work is discovered and reported to you within 90 days |
| 1860 | of receipt of the work. |
| 1861 | |
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| 1864 | |
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| 1868 | both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael |
| 1869 | Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the |
| 1870 | Foundation as set forth in Section 3 below. |
| 1871 | |
| 1872 | 1.F. |
| 1873 | |
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| 1875 | effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread |
| 1876 | public domain works in creating the Project Gutenberg-tm |
| 1877 | collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic |
| 1878 | works, and the medium on which they may be stored, may contain |
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| 1880 | corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual |
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| 1883 | your equipment. |
| 1884 | |
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| 1886 | of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project |
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| 1894 | TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE |
| 1895 | LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR |
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| 1898 | |
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| 1929 | promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, |
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| 1931 | that arise directly or indirectly from any of the following which you do |
| 1932 | or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm |
| 1933 | work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any |
| 1934 | Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. |
| 1935 | |
| 1936 | Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm |
| 1937 | |
| 1938 | Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of |
| 1939 | electronic works in formats readable by the widest variety of computers |
| 1940 | including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists |
| 1941 | because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from |
| 1942 | people in all walks of life. |
| 1943 | |
| 1944 | Volunteers and financial support to provide volunteers with the |
| 1945 | assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's |
| 1946 | goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will |
| 1947 | remain freely available for generations to come. In 2001, the Project |
| 1948 | Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure |
| 1949 | and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. |
| 1950 | To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation |
| 1951 | and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 |
| 1952 | and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. |
| 1953 | |
| 1954 | |
| 1955 | Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive |
| 1956 | Foundation |
| 1957 | |
| 1958 | The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit |
| 1959 | 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the |
| 1960 | state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal |
| 1961 | Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification |
| 1962 | number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at |
| 1963 | http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg |
| 1964 | Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent |
| 1965 | permitted by U.S. federal laws and your state's laws. |
| 1966 | |
| 1967 | The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. |
| 1968 | Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered |
| 1969 | throughout numerous locations. Its business office is located at |
| 1970 | 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email |
| 1971 | business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact |
| 1972 | information can be found at the Foundation's web site and official |
| 1973 | page at http://pglaf.org |
| 1974 | |
| 1975 | For additional contact information: |
| 1976 | Dr. Gregory B. Newby |
| 1977 | Chief Executive and Director |
| 1978 | gbnewby@pglaf.org |
| 1979 | |
| 1980 | Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg |
| 1981 | Literary Archive Foundation |
| 1982 | |
| 1983 | Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide |
| 1984 | spread public support and donations to carry out its mission of |
| 1985 | increasing the number of public domain and licensed works that can be |
| 1986 | freely distributed in machine readable form accessible by the widest |
| 1987 | array of equipment including outdated equipment. Many small donations |
| 1988 | ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt |
| 1989 | status with the IRS. |
| 1990 | |
| 1991 | The Foundation is committed to complying with the laws regulating |
| 1992 | charities and charitable donations in all 50 states of the United |
| 1993 | States. Compliance requirements are not uniform and it takes a |
| 1994 | considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up |
| 1995 | with these requirements. We do not solicit donations in locations |
| 1996 | where we have not received written confirmation of compliance. To |
| 1997 | SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any |
| 1998 | particular state visit http://pglaf.org |
| 1999 | |
| 2000 | While we cannot and do not solicit contributions from states where we |
| 2001 | have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition |
| 2002 | against accepting unsolicited donations from donors in such states who |
| 2003 | approach us with offers to donate. |
| 2004 | |
| 2005 | International donations are gratefully accepted, but we cannot make |
| 2006 | any statements concerning tax treatment of donations received from |
| 2007 | outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. |
| 2008 | |
| 2009 | Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation |
| 2010 | methods and addresses. Donations are accepted in a number of other |
| 2011 | ways including checks, online payments and credit card donations. |
| 2012 | To donate, please visit: http://pglaf.org/donate |
| 2013 | |
| 2014 | Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic |
| 2015 | works. |
| 2016 | |
| 2017 | Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm |
| 2018 | concept of a library of electronic works that could be freely shared |
| 2019 | with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project |
| 2020 | Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. |
| 2021 | |
| 2022 | Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed |
| 2023 | editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. |
| 2024 | unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily |
| 2025 | keep eBooks in compliance with any particular paper edition. |
| 2026 | |
| 2027 | Most people start at our Web site which has the main PG search facility: |
| 2028 | |
| 2029 | http://www.gutenberg.org |
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| 2033 | Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to |
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| 2036 | } |
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